Chronik

von Heie Frühling

1982

Bilder aus der Geschichte eines alten Geestdorfes

aufgezeichnet von

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Heie Frühling

 

im September 1982

 

 

abgeschrieben, erweitert und ergänzt von

US 

 

 

 

 

Engelbert Bieschke

im Dezember 2012

 

Vorwort

 

Die vorliegende Betrachtung der Geschichte des Dorfes Ostersander ist leider lückenhaft. Eine chronologische, vollständige Darstellung der geschichtlichen Ereignisse ist nicht möglich, da die Quellen nur in beschränktem Umfang vorhanden sind und in der fernen Vergangenheit ganz und gar versiegen.

Deshalb habe ich auch den Titel gewählt:

 

Bilder aus der Geschichte eines alten Geestdorfes

 

Ich hoffe aber trotzdem, dass diese aufgezeichneten Bilder die Vergangenheit ein wenig heller, deutlicher und verständlicher machen. Wenn das durch diese Arbeit gelingen sollte, dann könnten diese Bilder möglicherweise auch den Menschen unserer Tage helfen, sich selbst, ihre gegenwärtige Welt und ihre Zeit besser zu begreifen.

 

Anmerkung: Die Geschichte der Kirche zu Weene ist in dieser Arbeit nicht berührt worden, obwohl Weene zum Ort Ostersander gehört. Aber Weene hat als Mittelpunkt christlichen Lebens eine überörtliche Bedeutung für das gesamte Kirchspiel Weene. Dazu gehören von Anfang an außer Ostersander auch die Dörfer Schirum und Westersander. Die 1637 bzw. 1639 gegründeten Fehndörfer Lübbertsfehn und Hüllenerfehn traten später ebenfalls hinzu.
Die sicherlich lohnenswerte Untersuchung der Geschichte des Kirchspiels Weene müßte möglichst bald nachgeholt werden.

 

Ihlow-Hüllenerfehn

im September 1982                       gez. Heie Frühling

 

 

 

 Inhalt:

 

A.      Aus der frühgeschichtlichen Zeit

         - der Siedlungsraum Ostersander

 

B.      Erste geschichtliche Quellen

         - kriegerische Ereignisse

         - die Einwohnerschätzung von 1593

         - Beestbeschreibung bzw. Viehschätzung

           von 1598 und 1599

 

C.      Neulandgewinnung und Siedlungen
in der Gemarkung Ostersander

         - Ostersander und Lübbertsfehn

         - die Landnahme der eingesessenen

           Herdbesitzer und Warfsleute

         - die Viehschätzung von 1772

         - Siedlungen in den Außenbereichen

         - die Teilung der allgemeinen Weiden

         - Straßen- und Wegebau

         - Gastwirtschaften in Ostersander

 

D.      Verschiedene Ereignisse und Daten

         - Vom alten Handwerk

         - Von Wilddieben und anderen „Bösewichten“

         - die Bürgermeister von Ostersander

         - alte Bauernfamilien

         - die Bevölkerungsentwicklung

 

E.      Die Schule in Weene

 

F.      Anhang

         - Skizze 1 Ostersander um 1700

         - Skizze 2 Holtend um 1750

         - Skizze 3 Ostersander Holtend um 1800

         - Skizze 4 Ostersander vor der Gemeinheitsteilung 1800

         - Skizze 5 Weene um 1840

         - Familiennamen am Beispiel

         - Lehrkräfte an der Volksschule Weene

         - Kopie aus dem Viehregister 1599

         - Urkunden betreffend Teilung der „allgemeinen Weide“

         - Bilder aus Ostersander

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


  

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

A. Aus der frühgeschichtlichen Zeit

           

-der Siedlungsraum Ostersander-

 

Ostersander gehört ohne Zweifel zu den älteren Siedlungen auf der ostfriesischen Geest. Die Besiedlung dieser Gemarkung wird vermutlich zu der Zeit erfolgt sein, als auch die beiden Nachbargemeinden Schirum und Westersander entstanden.

Leider sind keine Quellen vorhanden, die uns von den ersten Anfängen der Besiedlung in diesem Raum  verkünden. Sicher ist, dass Ostersander und seine Nachbargemeinden auf eine lange Vergangenheit zurückblicken.

 

Nach dem 2. Weltkrieg, in den 50er Jahren, wurde von dem Landwirt Hinrich Saathoff bei Reinigungsarbeiten im „Oll Deep“ in der Nähe seines Weener Hofes ein Feuersteinbeil gefunden. Dieser Fund wurde im Jahre 1959 von Herrn Rudolf Janßen, damals Weene, der „Ostfriesischen Landschaft“ gemeldet.

Das Steinbeil, von Herrn Janßen als Faustkeil beschrieben, kann auf eine sehr frühe jungsteinzeitliche oder bronzezeitliche Siedlung (8000 bis 800 vor Chr.) im Raum Weene hindeuten, ist aber kein eindeutiger Beweis für diese Annahme. Es ist auch möglich, dass umherstreifende Jäger das Beil auf ihren Jagdzügen verloren haben.

Leider ist das „Weener Steinbeil“ nach 1959 abhanden gekommen. Das ist deswegen bedauerlich, weil es keine weiteren Funde dieser Art im Bereich Weene gibt.

 

Analog zu der Siedlungsgeschichte anderer Geestdörfer im nordwestdeutschen Raum wird sich auch Ostersander entwickelt haben. Es kann davon ausgegangen werden, dass die ersten Häuser in dem Bereich zwischen dem heutigen „Gasthof Altona“ im Westen und dem Hofplatz Antons (heute: Holtroper Strasse 19) gelegen waren.

 

Da im allgemeinen gesagt werden kann, dass die Ansiedler sich in der Nähe eines Wasserlaufs niederließen, scheint auch das eiszeitliche Rinnsal der sog. „Murkel“ für die Auswahl der Siedlungsplätze von Bedeutung gewesen zu sein (siehe Ortsskizze von 1800). Das gilt auch für den kleineren Siedlungskern „Weene“, das seit eh und je zu Ostersander gehörte.

 

Das „Oll Deep“ bildet die Grenze zu Schirum. Es fließt unmittelbar an der Nordseite der Kirche vorbei. Ob der Kirchplatz Weene schon in heidnischer Zeit für das religiöse Leben der damaligen Bewohner Bedeutung gehabt hat, ist nicht mehr nachzuweisen. Aber mit der Christianisierung und dem Bau der Kirche trat Weene mehr und mehr in den Vordergrund. Es bildete sich um die Kirche eine kleine Siedlung, die neben einigen Bauernplätzen auch die für Ostersander, Westersander und Schirum  zuständige Schule aufnahm.

 

Einer der größten Höfe von Ostersander –der „Wehner Heerd“, heute „Altona“, war mal im Besitz der Familie Saathoff – spielte im politischen Leben der Gemeinde Ostersander stets eine wichtige Rolle. Die hier betriebene Gastwirtschaft, unmittelbar am „Heerweg“ von Aurich nach Neermoor (heute: Timmeler Strasse) gelegen, hatte lange Zeit große Bedeutung. Hier wurde auch Bier gebraut und Schnaps gebrannt.

 

Auf der Suche nach naturbegünstigten „Bauäckern“ bot sich den Siedlern von Ostersander das Gelände ostwärts des heutigen Tjüchweges an.

Flurnamen und Anlage der Fluren deuten darauf hin, dass hier das „Ur-Ackerland“, die „Gaste“ angelegt wurde. „Teinackers“, „Söbenackers“, „Tjüchackers“, diese Bezeichnungen erzählen von der frühen Streifenflur, der „Gaste“.

 

Noch heute ist die lange, schmale Ackerflur leicht auffindbar.

Die Äcker von Peter Harms, Roolf Antons, Andreas und Mimke Hagen seien hier als Beispiel genannt. An diesem Acker hatten die Heerbesitzer von Ostersander ursprünglich gemeinsame Anteile.

Die Bearbeitung dieser Ackerflur geschah gemeinschaftlich und zur gleichen Zeit und schrieb die Anbauart vor (Flurzwang).

Der größte Teil der Ostersander Gaste ist in verhältnismäßig früher Zeit verkoppelt und eingewallt worden.

Nur die Tjüchäcker von Antons und Hagen lassen heute noch die alte Flurordnung erkennen.

 

Es sei darauf hingewiesen, dass auf Grund eines ungeschriebenen Gesetzes kein Bauer jemals gewagt hätte, auf den Gastäckern ein Haus zu errichten. Dieses Land war ihnen wegen der Bodenqualität und der natürlichen Entwässerung zu wertvoll und blieb bis in unsere Zeit hinein unantastbar.

 

Erst zwischen den beiden Weltkriegen wurde auf den Gastäckern des stückweise verkauften Bauernhofes der kinderlos verstorbenen Eheleute Folkert Lübben Saathoff und Jürina geb. Fastenau, ein landwirtschaftliches Anwesen errichtet (v. J. Fröhling).


Bei dem früheren Gehöft Gronewold (heute: Holtroper str. 8 - 12) mündet der „Driftweg“ oder „Driefweg“  in die „Dorfstrasse“ (heute: Holtoper Str.).

Dieser Weg führte zur allgemeinen Weide, der „Allmende“, hier in Ostersander „Feld“ oder „Heidfeld“ genannt.

 

Jeden Morgen trieb der Viehhirte das Vieh der einzelnen Höfe auf diese magere Weide, die größtenteils aus „Busch un Brak“ und Heide bestand. abends löschten die Tiere an der Tränke, die sich ursprünglich am Hause Gronewold, später etwa 200 Meter südlich davon befand, ihren Durst und kehrten in den Stall zurück.

Die Stallhaltung hatte u.a. den Grund, dass die Bauern den dadurch anfallenden Mist zur Düngung der Gastäcker benötigten. Dieser Mist wurde gerne mit der „Plackerde“ oder „Plaggerde“ gemischt, die man als „Plagg-Soden“ auf dem Heidfeld stach und zum Hof fuhr. Die Mischung von Mist und „Plagg-Erde“ ergab guten Humusdünger.

 

Das Heidland umgab eigentlich den ganzen Ort Ostersander. Mehrere Wege führten zu diesen, den Bauern gehörenden allgemeinen Viehweiden.

Hier wären zu nennen:

 der „Tjüchweg“, der zum „Wultenfeld“ führte. Die Viehträn-ke ist heute noch erhalten und wird hoffentlich erhalten bleiben.

Der „Nysweg“ führte auf die Heidflächen im Westen. Die an diesem Weg liegende Dorftränke wurde ca. 1972 zugeschüttet.

Auf dem „Nordholzweg“ erreichte man das „Nordholz“, einen Wald, an dem die Bauern anteilsmäßiges Nutzungsrecht hatten und zum Heidfeld im Norden von Ostersander, dem heutigen „Möhlenfeld“, benannt nach einer Windmühle, die im Jahre 1936 abgebrochen wurde.

Auch der „Wiesener Weg“ führte zur Allmende im Norden.

 

An verschiedenen Stellen in der Feldmark außerhalb des Dorfes lagen kleinere Wälder, „Holten“ (Holz), genannt. Bis heute hat sich nur das „Östrichsholt“ aus „Westrand“ der Gemarkung erhalten. Nur wenige knorrige Eichen in „Habbohms Holt“ künden von einem weiteren Waldstück.

Ostwärts der „Gaste“ findet man die Flur „Tjüchbusch“; auch hier befand sich einst Wald wie in der Nordholzflur. Diese ehemaligen Naturwälder lieferten den Bauern Holz für den Hausbau und für die Versorgung mit Brennmaterial.

 

Auch Moore gab es einst in Ostersander. Das ausgedehnteste Moorgebiet lag zweifellos im Südwesten der Gemarkung entlang der Grenze nach Westersander bis zum „Fehntjer Tief“. Auf den Ausläufern dieses Moores nach Süden entstand 1637 das Lübbertsfehn, dessen Gebiet weithin zur Kommune Ostersander gehört hatte und deswegen auch wohl „Ostersander-Fehn“ genannt wurde. Von den Auseinandersetzungen und Streitigkeiten zwischen Ostersander und Lübbertsfehn wird später noch zu berichten sein. Dieses Moor reichte nach Osten teilweise bis an die heutige Strasse die von Ostersander nach Westgroßefehn führt, die heutige „Timmeler Strasse“.Dort gibt es z. B. heute noch die Flurbezeichnung „Westmoor“ und die Straße „Westmoor“.

 

Ein weiteres Moorgebiet lag im Südosten der Gemeinde. Der Flurname „Rötelmoor“ beweist dies eindeutig. Im Rötelmoor wurde noch Anfang letzten Jahrhunderts Torf gegraben. Im Westen dagegen waren die Torfvorräte schon früher erschöpft, so dass die Einwohner von Ostersander ihren Torf entweder in „Schirum-Leegmoor“ oder in erster Linie in den Mooren östlich von „Wiesens“ gruben.

Bis in die 50er Jahre des letzen Jahrhunderts hinein heizten fast alle Familien in Ostersander mit Torf, bis auch diese Energiequelle mehr und mehr versiegte und andere Materialien auf bequemere Weise in die Häuser gelangten.

 

Wie lange noch!

 

B. Erste geschichtliche Quellen

 

Geschichtliche Quellen, die Auskunft über die Entwicklung des Ortes Ostersander im Mittelalter und in der frühen Neuzeit geben könnten sind kaum vorhanden.

Auch die allgemeinen Geschichtsschreibungen geben keinerlei Aufschluss darüber, in welcher Weise Ostersander z.B. bei den kriegerischen Ereignissen in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Ubbo Emmius berichtet in seiner „Friesischen Geschichte“, dass im Jahre 1514 die „Braunschweiger Truppen“ in der sog. „Sächsischen Fehde“ auf ihren räuberischen Zügen durch Ostfriesland von Oldersum kommend, das sie vergeblich zu erobern suchten, „über Simonswolde“, „Ihlow“, „Sander“, „Weene“, „Holtrop“, „Oldendorf“ und den Spetzer Weg“ in Richtung Leer gezogen seien. Hier also berührten sie auch Ostersander. Was sich hier ereignete, wissen wir nicht; wohl darf man annehmen, dass diese hartgesottenen Söldnertruppen nicht allzu zimperlich mit den Einwohnern umgegangen sind, zumal sie aus dem Lande lebten, sich also in den Dörfern versorgten. Was sich in dem 30jährigen Kriege (1618 – 1648) in Ostersander zugetragen hat, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden, Sicherlich ist auch Ostersander nicht von den Soldatenhaufen z.B. dem „Mansfelder“  verschont geblieben, die sich überall dort festsetzten, wo es noch was zu holen gab.

Der Geschichtsschreiber „Wiarda“ berichtete im Band 4 seine „Ostfriesischen Geschichte“:

 

Die Mansfeldische Invasion, der Muthwille, die Habsucht und die Grausamkeit der Offiziere und Soldaten haben diese Provinz so verwüstet, daß sie sich in vielen Jahren nicht hat erholen können. Weil die Soldaten ihren Sold nicht richtig ausgezahlt erhielten, so konnte der General, wenn er auch wollte, keine gute Manneszucht halten. Daher wurden alle Arten der Boshei8t ungestraft ausgeübt. Nut ein einzig Soldat, der einen Bürger in Norden mit kaltem Blute erschlagen hatte, ist mit einem dreytägigen Arrest bestrafet. Sie nahmen im Anfange, wie noch alles vollauf in der Provinz war, das Vieh von den Ställen und verkauften es im Auslande. Sie ließen sich hin und wieder die Einquartierung abkaufen und kehrten, sobald sie das Geld verzehret hatten, wieder zurück. Wenn sie sich auftischen ließen, mußte der Wirth ihnen Geld unter den Teller legen. Einige führten die üble Gewohnheit ein, daß sie nach verrichteter Mahlzeit Tischtuch, Teller, Messer und Kessel mit sich nahmen. Mit den Lebensmitteln gingen sie so verschwenderisch um, daß sie muthwilligerweise mehr wegwarfen, als sie verzehren konnten ……
Wie sehr diese Provinz von den Mansfeldern verheeret worden, ist aus dem „Rentey-Register Auricher Amtes“ ersichtlich. Darnach waren nach 1625 von den mehresten Häusern nur noch die Brandstellen über, wo das Haus gestanden hatte, oder lagen niedergerissen, oder standen unbewohnt.“

 

Dieser Bericht Wiarda´s macht in erschreckender Weise deutlich, wie sehr die Bewohner der ostfriesischen Dörfer in den Wirren des 30jährigen Krieges (1618 – 1648) zu leiden hatten. Kein Dorf war ausgenommen. Auch Ostersander ist mit Sicherheit nicht verschont geblieben.

Ausführlich schreibt Wiarda über kriegerische Ereignisse im Raum Aurich-Schirum aus dem Jahre 1761. Also zu der Zeit des siebjährigen Krieges.

Friedrich der Große führte diesen Krieg gegen Österreich, aber viele europäische Staaten wurden in diesen Krieg verwickelt. So fielen u. a. die Franzosen unter Führung des Marquis de Conflans mit einem Husarenkorps in das 1744 preußisch gewordene Ostfriesland ein und hausten hier wie die Barbaren.

Ich zitiere aus Wiarda:

"So übel wirtschaftete das conflanzische Corps überall im Lande. Niemand war seines Lebens und seines Eigentums sicher. Der entblößte Säbel und eine auf die Brust gesetzte Pistole veranlaßte öfters, daß der Hauswirth aus dem verborgenen Winkel die versteckten Sachen herholen mußte. Aus den Laden der Kaufleute holten die Offiziere und Gemeinen, ohne Zahlung, was ihnen anstand. Auf Straßen und Heerwegen mußte der Wanderer seinen Geldbeutel abgeben, die Schnallen wurden ihm von den Schuhen gelöst, die Uhr wurde ihm abgenommen, und die silbernen Knöpfe, die hier gewöhnlich der Landmann an den Brusttüchern trägt, wurden ihm mit dem Messer abgeschnitten. Selbst die Landleute, die die Contribution (Steuern) für ihre  Commune (Gemeinde) nach der Stadt brachten, waren nicht sicher. Sie mußten auch dieses Geld den ihnen begegnenden Räubern abgeben. Sogar der Postwagen, sonst im Heiligthum, wurde zwischen Leer und Aurich angegriffen. Ohngefähr 7000 Tahler war die Beute, die die streifenden Husaren auf diesem Postwagen vorfanden, und zu sich nahmen. Auch waren in etlichen Kirchen die silbernen Gefäße ein Gegenstand des Raubes. Der Abend und die einbrechende Nacht war immer vorzüglich furchtbar, weil dann der gemeine Husar sowohl als der Offizier besoffen war. Selbst der Chef, der Marquis de Conflans, lag der Neigung zum Trunke unter.

Daher konnten nicht einmal die Klagen der leidenden Eingesessenen bei ihm angebracht werden. Solche barbarischen Auftritte brachten hin und wieder die zur Verzweifelung gebrachten Bauern un Wuth. Sie schnoben Rache.

Ein Commando Husaren, welches zu Holtland stand, begnügte sich nicht mit dem Plündern. Es wollte auch Mädchen entkräften. Eine solche Schande konnte die Dorfschaft nicht dulden. Die Bauern griffen zu den Waffen, erlegten fünf Husaren und verfolgten die übrigen bis Hesel. Die Communen der Holtdorper Vogtey bei Aurich waren die ersten welche förmlich sich vereinbarten, keinen Husaren in ihrer Gegend zu dulden, und sich der Gewalt zu widersetzen.

Sie gruben den Heerweg von Aurich nach Schirum, zwischen den letzten Kämpen kurz vor der Schirumer Brücke auf, und füllten denselben mit spitzigen Instrumenten, Pflugscharen und Eggen aus. Ein Husarenpiquel (-schar) ritt diesen Weg am 25. September hinan, wurde angegriffen und kam mit Verlußt eines Husaren nach Aurich zurück."

 

Soweit dieser Bericht. Der General Conflans war über dieses Verhalten der Bauern aus Schirum, Oster- und Westersander und Holtrop sehr erbost. Er ließ sogar eine Abfertigung nach Schirum rücken, um die Bauern auseinander zu jagen; aber die wachsamen Bauern whrten den Angriff der Franzosen ab. Sie schossen dabei -der Sage nach- zehn Husaren ab. Gegen 10 Uhr abends flohen die geschlagenen Husaren mit ihren Verwundeten nach Aurich zurück. Der noch mehr erzürnte General ließ seinen Soldaten nunmehr freien Spielraum. Sie durften plündern und brennen. Conflans ließ die Bauern wissen und androhen,

"wenn sie nicht stille halten wollten, alles mit Feuer und Schwerdt zu verwüsten, und Weiber und Kinder auf dem platten Lande in den Häusern einsperren und verbrennen zu lassen, damit von dem vermaledeiten Geschlecht nichts übrig bleiben siollte".

 

Der Amtmann Stürenberg bekam den Auftrag, nach Schirum zu gehen, um die Bauern "zu besänftigen und zu überreden, auseinander zu gehen und die Waffen nieder zu legen." Aber dieser hatte keinen Erfolg. Im Gegenteil, er mußte dem General sogar berichten, daß sich bei Schirum immer mehr Bauern versammelten. Zwar ließ Conflans Truppen aus Wittmund und Emden nach Aurich holen -Aurich muß damals einem Heerlager geglichen haben- aber den geplanten Angriff gegen die aufsässigen Bauern bei Schirum, führte er nicht durch. Die Bauern wagten sogar einen Vorstoß nach Aurich, sie nahmen aus der Julianenburg eine Statue mit, "um Kugeln daraus zu gießen. Sie schossen mit Kugeln, gehacktem Blei, Zinn und Nägeln."

Am nächsten Morgen machte sich der General mit dem ganzen Korps marschfertig. "Dem Vorgeben nach sollte es auf die Bauern bei Schirum anrücken. Keine lebendige Seele, sagten die Offiziere, sollte von ihnen übrig bleiben."

Aber das Korps zog nicht nach Schirum, sondern durch das Burgtor in Richtung Emden. Auf dem Wege dorthin hausten die Franzosen in furchtbarer Weise. Gleich hinter Aurich wurden zwei wehrlose Bauern massakriert. Haxtum wurde angezündet. Eine 76jährige Frau bei Rahe wurde mit Flintenkolben erschlagen und in den Graben geworfen. Der Prediger in Barstede wurde sehr mißhandelt. "Ihm wurden die silbernen Kirchengeräthe abgedungen."

In Bangstede schnitten die Soldaten einem alten Mann, der sich in dem Garten verborgen hatte, lebendig den Leib auf. Ochtelbur und Riepe wurden ausgeplündert. Insgesamt wurden im alten Amte Aurich zehn unschuldige Menschen ermordet und zwölf schwer verwundet.

Eine schreckliche Bilanz! Wieder einmal mußten unschuldige, wehrlose Menschen leiden und sterben. Das war vor gut 250 Jahren.

Der General Conflans ist dann von Emden über Leer abgezogen, noch arg bedrängt von den freiheitsliebenden Bauern, die in Schirum gewagt hatten, den Bedrückern die Stirn zu bieten. Ihnen schlossen sich die Bauernverbände von Bagband und Friedeburg an.

Ostfriesland war wieder frei!

 

 

 

 

 

 

Die Einwohnerschätzung von 1593

 

 

Diese Schätzungsurkunde wird wohl zu den ältesten Zeugnissen aus der Vergangenheit Ostersanders gehören.

 


Einwohner

Ehemänner

Ehefrauen

Kinder

Knechte

Mägde

Übrige

212

68

63

41

18

17

5

 

Sie betrifft aber das gesamte Kirchspiel Weene, das "Wehner Caspel", trennt also nicht genau nach den zum Kirchspiel gehörenden Gemeinden Schirum, Ostersander und Westersander. Hüllenerfehn und Lübbertsfehn bestanden damals noch nicht.

Insgesamt sind in dieser Liste 212 Personen aufgeführt: die nachstehende Tabelle gibt darüber Aufschluß, wie sich diese Zahl zusammensetzt:

 

Es sind in dieser Aufstellung nicht alle Einwohner erfaßt. Dies ist eine Steuerschätzung. Damals wurden nur die Kinder ab 12 Jahren zur Steuer herangezogen. Die Jüngeren waren steuerfrei. In der letzten Spalte "Übrige" sind nur 5 Personen aufgeführt. Das sind die ältesten Menschen, die im Haushalt der Familie mitarbeiteten und lebten, z. B. die Großeltern.

Diese geringe Zahl sagt aus, daß es kaum Großeltern, überhaupt ältere Menschen gab. Die Lebenserwartung war damals so gering, daß die Menschen im Durchschnitt nicht älter als 30 - 35 Jahre wurden.

In dieser Steuerschätzung von 1593 ist eine für die damalige Zeit nicht typische Auffälligkeit vermerkt:

Einzelnen Bürgern wurde von der Auricher Behörde in Krankheitsfällen Steuerfreiheit oder -nachlaß gewährt. Dafür diese Beispiele:

 

"Wegen des Mannes große Leibesschwäche ist diese Tax gemildert und dem auch ein Kind frey geben worden." 

"Die fraw liegt in Todtsnöthen deswegen sie frey geben." 

"Die fraw, weil sie lahm ist, frey geben."

 

 

 

Die "Beestbeschreibung" bzw. Viehschätzung des Amtes Aurich

 

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Die Beestbeschreibung des Amtes Aurich stammt aus dem Jahre 1598.

 

 

 

In ihr wurden in Ostersander nur 10 Betriebe registriert. Die Namen der Besitzer geben m.E. keinen Hinweis auf die heute in Ostersander ansässigen Familien. Es gab damals noch keine Familiennamen. Von Generation zu Generation wechselten die Namen.

 

 

Z.B.     Geerd Vahlentins     Vater

            Valenthin Geerdes    ältester Sohn des Vaters

            Johann Geerdes        jüngster Sohn des Vaters (Hoferbe)

            Gerd Janßen             Enkel des Vaters

                                               usw.

So konnte nach wenigen Generationen schon der Familienstammbaum nicht mehr nachvollzogen werden, wenn nicht eindeutige Urkunden dafür den Beweis lieferten.

Die Namen der im Beestverzeichnis genannten Bauern seien trotzdem genannt:

Frerich Eitenn, Lübbe Moders, Tetto Assen, Jurgen Wiemers, Johan Hermans, Wallet Wulßen, Meinke Eiten, Gert Peters, Menne Weners und Ocko Geerdts.

 

Nach diesem Viehregister hatte Ostersander im Jahre 1598 folgenden Viehbestand:

15 Pferde, 26 Ochsen, 61 Kühe, 10 Twenter, 27 Enter, 19 Kälber. Insgesamt 158 Tiere.

Ein Jahr später, also im Jahre 1599 ist anscheinend eine zweite Schätzung vorgenommen. Im Vergleich zur Beestbeschreibung  1598 tauchen folgende Besitzernamen, wenn auch in der Schreibweise leicht verändert, wieder auf:

Frederich Eyten, Tette Aschen, Jurgen Wimmers, Johann Hermens, Wullet Wullesen, Meinke Eyten und Geerdt Peters. Statt "Lübbe Moders" ist jetzt "Dircke Moders" genannt. Für "Menne Weners" ist nun "Nytert Wenen" (Sohn?) aufgeführt. Für "Ocko Geerdts" findet mann jetzt "Gerdt Acken" (Ocken?).

 

Neu in der Schätzung ist "Ulffertt Ellen". Wahrscheinlich war "Ulffertt Ellen" in der Beestbeschreibung 1598 vergessen worden. Denn es ist nicht anzunehmen, daß er ein Neuansiedler war, da sein Viehbestand mit 2 Pferden, 4 Ochsen, 8 Kühen, 6 Twenter und 8 Enter zu dem größten in Ostersander zählte.

Der 1599 aufgenommene Viehbestand weicht in einzelnen Positionen von dem des Vorjahres ab:

20 (1598: 15) Pferde, 32 (1598: 26) Ochsen, 64 (1598: 61) Kühe, 39 (1598: 10) Twenter, 27 (1598: 27) Enter, 0 (1598: 19) Kälber. Kälber sind 1599 nicht aufgeführt. Tiere insgesamt: 182.

 

Der in beiden Schätzungen aufgeführte Viehbestand, von 10 bzw. 11 Bauern gehalten, darf für die damaligen Verhältnisse als recht hoch angesehen werden.

Es waren pro Herd etwa 15 oder 16 Tiere - eine stattliche Zahl!

Fragt man sich, wie das Vieh damals mit dem nötigen Futter versorgt werden konnte, so darf man darauf folgende Antwort annehmen:

Vom zeitigen Frühjahr bis zum Spätherbst wurde das Vieh auf den, den Bauern gehörenden allgemeinen "Heidfeldern" außerhalb des eigentlichen Dorfes geweidet ( Allmende - Heidland - Heidfeld - Ettland ). Abends wurde das Vieh von den Hirten in die Ställe zurück getrieben. Das Futterstroh wuchs den Bauern auf den Kornäckern, den "Gasten" zu, die in Ostersander unter dem Flurnamen "Tjüch" bekannt sind. Das Heu für das Winterfutter hat man damals auch schon, zum Teil wenigstens, in den urbar gemachten "Meeden" unter Westersander und Hüllenerfehn gewonnen. Darauf deuten bestimmte Urkunden aus dem Jahre 1663 hin.

In den sogenannten "Designationen" der "Deich- und Sielacht" werden Ländereien (Wiesen) aufgeführt, die unter Westersander und Hüllenerfehn liegen und für die "Sielgeld" bezahlt werden musste, und zwar von den Bauern die in Ostersander wohnten.

Hier wurden u. a. folgende Bürger aus Ostersander genannt:

"Redelf Ecken", "itzo Fokke Ecken", "Johann Cornelius", "Johannes Franken", "Erben", "Weyert Moders", "Rolfen Franken", "Bur Eileners" und "Fererk Ulfers".

Einige dieser Namen erinnern an die Namen in den Viehregistern 1598 uns 1599 genannten Bauern, z. B. "Wyert Moders" oder "Frerk Ulfers".

 

C Neulandgewinnung und Siedlungen

in der Gemarkung Ostersander

 

Ostersander und Lübbertsfehn

Im Jahre 1637 begann Lübbert Cornelius mit der Anlage des nach ihm benannten Fehns.

Das ostfriesische Grafenhaus gab die am Flumm (Fehntjer Tief) gelegenen Moore und Moräste den Siedlern in Erbpacht. Der Kern dieses Fehns lag dort, wo die spätere Schule gebaut wurde. Davon zeugt noch die alte Wicke.

Der weitere Ausbau des Fehns, vor allem in östlicher Richtung, kollidierte mit den Interessen der Ostersander Herdbesitzer, deren allgemeine Weide sich bis in die Gemarkung "Lübbertsfehn" erstreckte. Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen der Commune Osrersander einerseits und den Erbpächtern des Lübbertfehn´s andererseits. Während die Kolonisten von Lübbertsfehn die in diesem Bereich liegenden "Moräste und Heidlande" für sich und Neuansiedler beanspruchten, glaubten die Bauern von Ostersander, nicht auf diese ihnen gehörenden Teile ihrer allgemeinen Viehweide aus wirtschaftlichen Gründen verzichten zu können. Das Fürstenhaus (ab 1662) spielte dabei die schiedsrichterliche Rolle, wachte mit Argusaugen vor allem auf eigenrechtliche Inbesitznahme von Grundstücken und ungenehmigten Hausbau - aus verständlichen Gründen.

Auch damals war die Stadt auf neue Steuerquellen aus.

Im Zuge dieser Auseinandersetzungen kam es zu langwierigen Prozessen, die meistens mit einem Vergleich abschlossen.

In einer im Staatsarchiv Aurich liegenden Akte "Die Colonisten - Eterblishements an den bei Ostersander belegenen Wildnissen betreff" aus dem Jahre 1747 berichtete der Oberförster Rosenthal von der Kriegs- und Domänenkammer in Aurich:

            "Unterthänsigestes Promemoria" demnach ich gantz kürtzlich bey daß Peter Haneburger seinem Hause diesseits dem Fehn vorbey geritten, habe gesehen, das derselbe gerade gegen seinem Hause über einen ziemlichen District Heydeland aus der Gemeinde Weyde genommen, selbiges Bewallet, gepflüget, Besehed und auch schon mit einigen Bäumen bepflanzet; da ich nun vom selbigen dem gehörigen Landesherrlichen Consens zu sehen verlangte: gab er zur Antwort, die Herren hätten es ihm mündlich erlaubt: Weilen ich aber hierann zu zweifeln Uhrsache habe, indem mir nicht davon Rescribet. Also habe meiner Pflicht gemäß Euer Hochfürstl. Kriegs- und Domänenkammer solches Anzeigen wollen.          d. 6. July 1747

                                                                                              Rosenthal"

 

Auch diese Meldung endete nach längerem Hin und Her mit einer salomonischen Regelung. Peter Haneburger bekam sein Land, mußte aber dem Fürstenhaus die nötigen Abgaben zahlen.

Auch über die Frage, wer den Weg von Ostersander nach dem "Großen Fehn" unterhalten müsse, gab es langjährigen Streit.

In den Verhandlungen zwischen Ostersander und den Lübbertsfehner Erbpächtern bzw. er Kriegs- und Domänenkammer Aurich wurde die Commune Ostersander meistens von einer Person vertreten, die "Bevollmächtigter" oder auch "Bauernrichter" genannt wurde.

 

Um 1770 war dies "Heye Gerdes Aden", dessen Name oft genannt wird.
So auch als "Röbke Harmens auf dem Hüllen" um 6 Dimath Heydfeld und Morast, "zwischen Ostersander und dem Lübbertsfehn und zwar an Coob Bohlens Land gelegen" bat.

Der Bauernrichter oder Bevollmächtigte wurde wahrscheinlich von den Herdbesitzern der Commune Ostersander gewählt.

Bernhard Uphoff hat über die Auseinandersetzungen zwischen Ostersande und Lübbertsfehn berichtet und diese Berichte in den "Ostfriesischen Nachrichten" veröffentlicht. Daraus sei der folgende Abschnitt zitiert:

 

"Dem Haye Frerichs hatten die Ostersander an ihrer Grenze ein Moorstück abgetreten. Für jedes Schiff mit dort abgegrabenem Torf mußte Haye eine "Doppelmark" bezahlen, wenn er die "Fehntjer Wieke" durchfahren wollte. Bisweilen war er sogar gezwungen, ein anderes Tief aufzusuchen, weil ihm selbst gegen Geld die Durchfahrt durch die "Fehntjer Wieke" verweigert wurde. Das konnte nur geschehen, weil der Torf nicht auf Lübbertsfehner, sondern auf Ostersander Grund gewonnen war.

Die Weihnachtsflut 1717 hatte mehreren geringeren Leuten von Lübbertsfehn die Häuser weggespült. In äußester Not und Verlegenheit vor ständiger Überflutung flüchteten sich die Bewohner nach Ostersander. Hier wurden sie mitleidig aufgenommen, und die Gemeinde gestattete ihnen den Wiederaufbau ihrer Häuser auf ihrem Gebiete nahe der Fehngrenze. Als die Ostersander die Baureste von deren eigenen Gründen bergen wollten, verlangten die Fehnpächter eine Entschädigung.

Dankbar bekundete die Witwe Anna Wasmus, wie die Gemeinde sich ihrer angenommen und eine Warfstätte im Hammrich zugewiesen habe. Doch die Lübbertsfehner hätten sie so nahe nicht dulden wollen, wenn nicht die Ostersander sich zuvor verpflichteten, sie zu unterhalten, sofern sie sich nicht selber ernähren könne. Die Ostersander hätten dieses getan weil sie auf ihren Gründen wohnte. Als ihr Mann starb, hätten sie das "Trostelbier" ausgerichtet.

Ähnlich bekundete Jantje Jansen. Auch ihr und ihren fünf kleinen Kindern hätten die Ostersander in der Allmende einen Platz zu einer Warfstelle angewiesen. Barmherzige Menschen halfen zum Bau ihres Häusleins. Im Glauben, den Lübbertsfehnern zinspflichtig zu sein, habe sie den Obererbpächtern bezahlen wollen. Diese hätten abgelehnt, weil sie auf Ostersander Gebiet wohnte.

Das Hofgericht in Aurich erkannte der Gemeinde den geruhigen Besitz ihrer gemeinen Weide, Torfgräberei und Morasten zu.

Nur die 200 Diemate des Lübbertsfehns blieben davon ausgenommen.

Bei 40 Goldgulden Strafe wurde den Erbpächtern jede Störung untersagt.

Das Urteil wurde von der Revision bestätigt."

 

 

Die Landnahme

der eingesessenen Herdbesitzer und Warfleute

In den früheren Jahrhunderten bildeten die sogenannten Herdbesitzer die Commune. Diese hatten alle Rechte, die es damals gab, z.B. das Recht den Bevollmächtigten oder Bauernrichter zu wählen, der die Gemeinde nach außen und innen vertrat. Dieser Bevollmächtigte ist der Vorgänger des Bürgermeisters, "Burmester" genannt. Die Herdbesitzer wählten auch den Pastoren in Weene zusammen mit den Herdbesitzern von Westersander und Schirum. Dieses Recht hielt sich bis in unsere Tage (1982).

Die Herde waren in Voll-, Halb- und Viertelherde eingeteilt, später gab es auch Drittelherde. Diese Teilherde waren wohl bei Erbteilungen entstanden. So hat, um ein Beispiel zu nennen, ein Friedrich Jakobs im Jahre 1793 von seinem elterlichen Hof den dritten Teil des Grundbesitzes, aber auch ein Drittel der üblichen Rechte (Friedhofsrechte, Kirchstuhlrechte, Waldanteile u. a.) erhalten. Auch der Anteil an der allgemeinen Weide ging zu einem Drittel an ihn über. Sein Hof, der neue Hof also, wurde ein "Drittelherd".

Die Pflichten der Herdbesitzer bestanden u. a. auch darin, bestimmte Wege im Ort im Frühjahr und Herbst in Ordnung zu bringen. Das "Burenmewarken" (Baueren-Mitarbeiten) hat bis in die zwanziger Jahre des letzen Jahrhunderts bestanden, bis die Bauerngemeinde, auch Realgemeinde genannt, aufgelöst wurde.

Die "Hand- und Spanndienste" waren nach Herdanteilen geregelt. U. a. gehörten der "Tjüchweg" und "Driefweg" zu den Wegen, die die Herdbesitzer zu pflegen hatten. Die übrigen Wege wurden von der genannten Gemeinde in Ordnung gehalten.

Es kann davon ausgegangen werden, daß die Alteingesessenen der Gemeinde Ostersander anfangs neben den Gärten unmittelbar an den Häusern und ihren Anteilen auf den "Gastäckern" nur zur gemeinsamen Benutzung die allgemeine Weide, das "Heidland" besaßen.

Nach und nach aber kultivierten die Bauern Teile der "Feldmark" in unmittelbarer Nähe des Ortes in mühevoller, schwerster Arbeit. Damit das Vieh nicht auf diese Felder eindringen konnte, wurden diese "Kampen", so wurden sie jetzt genannt, mit Wällen umgeben, "eingewallt".

Diese Kampen, die später im Wechsel als Ackerland und Weide genutzt wurden, bekamen meistens einen Namen. Hier seien einige Namen genannt:

            Altjes Kamp, Osterkamp, Neekamp.

Diese Landgewinnung erstreckte sich über Jahrhunderte hinweg. Sie ging nicht immer reibungslos vor sich, und nicht selten mußten die Auricher Behörden schlichten und richten. Diese mußten jede Landnahme genehmigen, ebenfalls Hofteilungen und vor allem den Hausbau.

Das hat wohl steuerrechtliche Gründe gehabt. Der Staat brauchte immer mehr neue Einnahmequellen. Manche Bürger versäumten es - absichtlich oder unabsichtlich - die Genehmigung der Landnahme einzuholen. Aber meistens kamen die hohen Beamten in Aurich doch dahinter. Dafür dieses Beispiel aus dem Jahre 1749:

                        Der schon früher erwähnte Oberförster Rosenthal meldet der Kriegs- und Domänenkammer in Aurich:

 

" Untertänigstes Pro manoria Dem Anthon Jürgens aus Ostersander wegen Bewallung, 4 Heydackers, ohne Landesherrlichen consens, Betreffend.

                                       Aurich, d. 18ten Juny 1749

Demnach ich bei Ostersander vorgefunden, das 4 mit geringen Stubbereyen Bewachsene Heyd-Acker, die zwischen Harm Weyers und Anthon Jürgens Baukämpen inne liegen, und bis daher offen gelegen, von Letzterem am Ende zugewallet und vermuthlich nachhero zu uhrbarem Lande gemacht werden sollen, es mag etwa eine halbe Tonne Saat darin fallen, und dem lästerlichen Gerüchte soll ein Acker dabey seyn, wovon niemanden bekannt wem er Zugehöre, welcher gedachter Anthon Jürgens sich zueigen, würde es aber nicht erweislich machen können ….."

 

 

Bei der mündlichen Verhandlung erklärte Anthon Jürgens, daß er von diesen Heyd-äckern zwei durch Tausch erworben hätte. Der Tauschpartner sei Rieke Jürgens, der dafür Äcker auf der Gaste erhalten hätte. Den dritten acker hätte er, gegen einen jährlichen "Canonem" von 1 Reichtaler in Grundpacht genommen, und zwar von Frerich Janßen, welcher "vorgäbe, daß dieser Acker zu seinem halben Platze gehörete." Den vierten Acker, so erklärte Anthon Jürgens, "gehöre niemandem und hätte citatus (der Vorgeladene) denselben mit in den Wall gezogen, "damit sein dabey belegenes Land von dem Überlauf des Viehes möchte befriediget seyn."

Diese von Anthon Jürgens vorgebrachten Gründe und Darstellungen werden von drei Ostersander Einwohnern attestiert.:

 

"Wir nieden geschrieben Attestieren, und bezeugen dieses, mit unserer Eigen Händigen Unterschrift, daß der neu gemachte walle, nur sich erstrecket vor 4 Äckern Heyd-Land, und Gränzet von Anthon Jürgens sein Kamp an. Genand die unter Thune, bis an Harm Weyerts sein Kohl Garten und über selbiges sein Kamp dadurch befriedigt von daß Vieh …. .

gez. Weyert Siebens Wultzen

        Gerdt Aden

        Gerdt Valenthiens"

 

Für die Bürger von Ostersander sei angemerkt, dass die erwähnten vier Äcker heute (1982) zu dem der Familie Antons gehörenden Kamp "Unnerthun" gehören. "Harm Weyerts Kohlgarten" liegt gegenüber dem Hause von Peter B. Harms. Hier stand das Herdhaus Weyerts, das vor dem ersten Weltkrieg abgebrochen und in der Nähe "am Brink" neu aufgebaut wurde (lt. Gerd Vahlentin Gerdes, Klaus Gerdes, Saathoff).

Am Ende dieser Verhandlungen behält Anthon Jürgens die vier Äcker - natürlich zog der Staat Gebühren.

Zu einem raschen Erfolg kamen im Jahre 1761 die Bauern Harm Weyers, Johannes Gerdes und Claas Harms. Sie beantragten, 22 Äcker auswallen zu dürfen, gelegen an der Holtroper Grenze. Der folgende Bescheid erging, nachdem der Oberförster bei der Kriegs- und Domänenkammer die Ortsbesichtigung vorgenommen hatte:

 

"Dem Harm Weyerts et Consorten wird auf ihre Supplication (Antrag) vom 3. Januar anno hierdurch zum Bescheid ertheilet, daß ihnen die Bewallung ihres wüsten Stücks Landes erlaubt sei. Sie sollen sich aber bei dem Oberförster melden und von demselben die Anweisung gewärtigen wie der Wall gezogen sein soll.

                                                       Den 7. July 1761"

 

Zu einem Prozeß kam es zwischen Jannes Gerdes Uken, Jakob Frieden und Andreas Behrens einerseits und Anthon Jürgens andererseits, der sich ein Stück Buschfeld "Tjückbusch" genannt, nach Angaben der ersteren widerrechtlich angeeignet hätte. Dieser hätte in dieser Flur überhaupt keine Anteilsrechte. Anthon Jürgens bat, den Prozeß aufzuheben. Aber erst als er sich bereit erklärte, eine Entschädigung, vor allem für den von Uken erstellten Wall zu zahlen, kam es zum Vergleich. Anthon Jürgens aber erreichte sein Ziel, er erhielt Äcker am Tjüchbusch.

 

Die weichenden Bauerssöhne haben es sicherlich sehr schwer gehabt. Meistens blieb der Hofbesitz zusammen. Die Behörde erteilte nur selten eine Teilungsgenehmigung. Nun war es für die nicht erbberechtigten Söhne nicht leicht, zu einem eigenen Haus und zu eigenem Land zu kommen.

 

Der Bauerssohn und Kuhhirte Rencke Weyerts, verheiratet, 5 Kinder, stellte 1747 den Antrag,

"auf einer an der Ostseite belegenen Stelle ein Hüttchen bauen zu dürfen."

 

Um die soziale Notlage vieler Bürger in jener Zeit verstehen zu können, sei der Antrag des Rencke Weyerts möglichst ungekürzt wiedergegeben:

 

"Für Königliche Majestät gebe hierdurch in tiefster Devotion zu erkennen, es ist auch aus dem allerunterthänigst beygeschloßenem Attestato mit mehreren allergnädigst zu verstehen, wie nämlich ich mit meiner Frau und Kinderen (deren 5 an der Zahl) mich lange Jahre her bey höchstarmen Umständen ob zwar kümmerlich doch ehrlich durchgeholfen, indem ich zu Ostersander das Vieh gehütet, meine Frau aber für die nackten Kinder das liebe Brot bey denen Thüren gesammelt, so daß unser Kummer und trübseliger Zustandfast nicht camentabel genug beschrieben werden kann, maßen (zumal) der sonst gehabte Kuhhirten-Dienst bey dem Viehsterben fast gar eingegangen, indeßen aber jedoch an einen anderen vergeben ist, so daß ich nunmehr keine Stelle weiß, wo selbst ich meine Frau und mich sodann den Schwarm Kinder vor Kälte und Ungemach bergen und bewahren möge. Wann aber, allermächtigster Monarch, an der Ostseite von Ostersander noch eine kleine Stelle ist, die von meinen Eltern herkommt, und wovor zwar meine Brüder das beste und meiste bebauet und bewohnet, dennoch eine kleine Hütte darauf aufgeschlagen werden kann, diese Stelle auch an das Dorf nah angränzet und von meines Bruders Kohlgarten nur durch einen Weg abgesondert ist, zudem gutherzige Leute mir solcher gestalt behilflich seyn wollen, daß ich mit denen Meinigen noch unter Dach kommen kann ….."

 

Soweit dieser inhaltsschwere Antrag eines armen, mittellosen Familienvaters.

 

In Aurich war man geneigt, dem Antrag stattzugeben,  jedoch wurde noch mehrmals über die jährliche "Abgift" verhandelt, die an die preußische "Renterey" in Aurich abzuführen sei. Rencke Weyerts erklärte sich bereit, "anstatt der sonst jährlich zu gebenden einen Hahns und einer Stiege Eier, jährlich zwölf Schaff" zu zahlen.

Die Kammer aber wollte die Bauerlaubnis nur erteilen, wenn Rencke Weyerts jährlich einen halben Reichsthaler courant zahlen wolle. Dabei ist es dann wohl geblieben.

 

So kam Rencke Weyerts, sicherlich mit Hilfe der übrigen Dorfbewohner zu seinem "Hüttchen". Es war damals so üblich, daß das Bauholz von den Einwohnern gespendet wurde, so daß dafür keine Kosten entstanden.

Die Wände waren meistens "waltert Müren", d.h. aus Strauchwerk geflochtene und mit Lehm verschmierte Wände. Nur die Schornsteinwand (Giebelwand) war aus Ziegelsteinen. Die Fußböden waren aus Lehm. Kleinere Katen hatten oft nur eine Kammer mit Herdfeuer und Schlafkojen (Butzen).

Größere Häuser besaßen "Köken un Kamer", manchmal auch eine "Upkamer", die sich über dem Keller befand.

 

Auch an dieser Stelle noch eine Anmerkung:

Mit größter Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei der von Rencke Weyerts gegründeten  Hausstelle um die Hausbesitzung von Peter B. Harms. Dessen Vater Gerd Behrens Harms stammte aus Hüllenerfehn und hat diese Besitzung von Hinrich Rencken geerbt, der keine direkten Nachkommen hatte. Dieser Hinrich Rencken - der Name deutet auf den o.g. Rencke Weyerts hin - war Zimmermann. Es ist verständlich, das die Familie Rencken, obwohl sie dieses Land hinzuerwarb, nicht allein von der kleinen Landwirtschaft leben konnte. Man suchte  nach Nebenerwerbsquellen. Ein Rencken wurde Zimmermann, Hinrich Rencken taucht später in den Protokollen der Gemeinde auf, und zwar als Sachverständiger bei Bränden.

 

 

 Viehschätzung 1772

 

Im Jahre 1772 wurde das Vieh der Ostersander Warfsleute und Herdbesitzer gezählt:

  

a) Warfen

Namen der Warfsleute

Pferde

Füllen

Kühe

Enter

Kälber

Hinrich Hilwers

2

 

3

2

1

Mimcke Frieden

 

 

3

4

 

Johann Renken

 

 

1

 

 

Folentin Gerdes

 

 

2

2

 

Johan Wers Erben

 

 

2

2

 

Marten Rudolphs

 

 

3

1

 

Brune Focken

 

 

2

1

 

Harm Schmidt

 

 

1

 

 

Johann Fleßner

2

1

3

 

 

Rolf Fleßner Witw.

2

 

3

3

 

Andreas Hinrichs

 

 

1

 

 

Frerich Clashen

 

 

1

 

 

Brune Rudolfs

 

 

1

 

 

Der Kuhhirte

 

 

1

 

 

Folentin Harms

3

 

2

2

2

 

b)         Herde

Namen der Herdbesitzer

Voll-/Halbherd

 

Pferde

Füllen

Ochsen

Milchkühe

Enter

Kälber

Wehner Pastorey

1

 

 

 

 

2

3

2

Wehner Meisterey

1/2

 

 

 

 

1

 

 

Ziebent Ecken

1

 

5

2

 

4

11

3

Johannes Gerdes Uken

1

 

5

1

2

5

4

3

Jacob Frieden Erben

1

 

4

1

 

1

 

 

Anton Jürgens

1/2

 

4

 

2

5

9

1

Eilert Gerdes &
Hey Martens

1

 

4

1

2

7

3

4

Rieke Jürgens

1

 

4

2

6

2

4

 

Hey Gerdes Aden

1

 

6

2

12

5

3

5

Marten Mimcken

1

 

5

2

2

7

4

6

Hinrich Oltmanns

1/2

 

2

2

 

3

 

2

Behrend Andreshen

1/2

 

4

 

2

5

5

 

Andreas Behrends Witw. &
Menne Andreshen

1

 

4

1

2

8

4

6

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zusammen

11

 

47

12

26

59

48

36

 

Siedlungen in den Außenbereichen

 

Wann die ersten Hütten oder Häuser fern von dem eigentlichen Ort "upt Heydland" gebaut wurden, wird kaum festzustellen sein. Es ist anzunehmen, daß die ersten Siedlungen im Außenbereich der Gemeinde auf dem heute sogenannten "Möhlenfeld" errichtet wurden.

Um 1800 hat es dort wohl schon eine Reihe von Häusern gegeben.
Auf dem sogenannten "Wultenfeld" dagegen wird das erste Haus wohl um 1775 schon vorhanden gewesen sein.
1786 beantragte Brechter Wult ein Stück Heidland in der Nähe der Siedlung seines Vaters Wult Janßen. Er erhielt die Genehmigung zum Erwerb dieser Ödfläche und zum Hausbau.

1786 konnte Weyert Brune in der Nähe von Weene ein Haus errichten.

Hinrich Weets erhielt nahe der "Schirumer Mühle" auf dem "nördlichen Heidfeld" von Brune Rudolphs der sehr verschuldet gewesen sein soll, ein Stück Land, um ein Haus darauf zu bauen. Das war 1792

Zum gleichen Jahre bekam Jan Claaßen die Siedlungsgenehmigung in der Nähe von Wult Janßen auf dem "Süd-Heidfeld".

Im Jahre 1799 erhielt der Schneider Friedrich Neemann die Erlaubnis, in Weene ein Haus zu bauen. 1802 bat er, ihm ein Freijahr zu gewähren, da "sein Haus noch nicht halb fertig und seine Umstände bei seinem Alter äußerst schlecht seien".

Anscheinend hatte die Commune vom preußischen Staat Erbpachtflächen erworben und diese aufgeteilt als Unterpacht an arme Leute weitergegeben.

Als die Gemeinde 1773 nach vorher schon erhaltenen 12 Dimat weitere Dimat vom Staat erbat, wurde dieser Antrag abgelehnt, weil die Commune weit höhere Abgaben von den armen Leuten nahm als sie selbst bezahlte, somit einen, wie es heißt, "unerlaubten Wucher" trieb. Das Land sollte in Zukunft öffentlich in Erbpacht angeboten werden.

Von der Not der kleinen Leute zeugt auch der folgende Antrag des Harm Oltmanns Goßmann aus dem Jahre 1802:

"Allerdurchlauchtigster p.

Als Euer Königlichen Majestäts ´Rentmeister Tannen zu anfang des Märzes 1802 das Feld zwischen Schirum und Ostersander, in Augenschein nahm, sah er auch meine Hütte und das bisgen Land, so ich umwallet und etwas bearbeitet hatte, und verlangte von mir den Grundpacht. In seiner Gegenwart bezeugten die Communen Schirum und Ostersander, daß ich das Stück Grundes zum Hausbau und Garten haben möchte, aber nicht zum bezahlen hätte. Weil meine Kinder heranwachsen, so hoffe ich, durch deren Beystand ein Haus setzen zu können, nur fehlet mir Euer Königliche Majestät Erlaubnis dazu.

An Eure Königliche Majestät ergehet daher meine allunterthänigste Bitte, den Hausbau nicht nur zu gestatten, sondern alles gnädigst zu veranlaßen, das für das Stück, worauf die Hütte stehet, und soviel dabey zugemessen werde, daß ich in allem 2 Demath bekäme.

Sonst bin

        Euer Königliche Majestät

        Harm Oltmanns Goßmann"

 

Die Commune Ostersander muß diesem Manne nicht besonders wohlgesonnen gewesen sein:

"Harm Oltmanns der ein Stück Heydfeld verlanget, ist derjenige Mann, der vorher bald hier bald da gewohnet, und eigenmächtigerweise hinter einen Wall in unserer Weide eine elende Hütte aufgeschlagen, und ein Stück Heydfeld urbar gemacht, und kaum fertig ist.

Da die Commune Ostersander auf Aussagen des Herrn Rentmeisters seinen Wall um sein Stück Land, welches pl. m. 1 1/2 Dimath groß zu zweyen Mahlen geschlichtet, er sie aber wiederum aufgebauet hat, so haben wir ihm endlich aus Mitleiden sitzen lassen, da wir sowohl als andere Communen ihn nicht gerne duldeten, welcher gewiß nicht von sein gutes Verhalten besonders seiner Familie herkommt. So haben wir auch bis hierzu keinen Heller Erbpacht von ihm erhalten, verlangen also, daß sein bewalltes Land gemeßen wird, um sowohl an uns, als auch an Sr. Königlichen Majestät dafür gegeben wird, und das Rückständige auch erleget werde."

 

Die Gründung neuer Siedlungen setzt sich im 19. Jahrhundert fort. Dazu seien folgende Beispiele ausgewählt:

Harm Janßen baute 1843 ein Haus auf dem Erbpachtland von Jürgen Frieden, wahrscheinlich jetzt (1982) Tjade Fröhling.

Der Zimmermann Gerd Alberts Lienemann baute 1853 auf den Fundamenten des abgebrochenen Hauses des "Weiland Schmiedemeisters Mimke Harms Saathoff".

            Anmerkung: Die alte Schmiede stand also dort, wo heute (1982) Dieke Emkes

            wohnt. Dieser Gerd Lienemann hat später einen grausamen Tod gefunden.

Im Jahre 1860 stellte Ulfert Weers bzw. Weert Ulferts aus Schirum den Antrag auf Zuweisung von 24 Diemat Heidland im Südwesten der Gemeinde. Mitbewerber war der Domänenpächter Kannegießer aus Holtrop, doch erhält Weert Ulferts 1886 den Vorzug. So konnte sich "Polder Weert" ansiedeln. Er mußte für diese 24 Diemat 1.000 Reichstaler bezahlen!

Friede Hindrichs Frieden baute 1853 ein Haus "hinter Ostersander".

Gerd Janßen fing 1859 an, ohne Genehmigung ein Haus zu bauen "hinter Ostersander". Der aufmerksame Ortsvorsteher, Jürgen Anthons bat das Amt - er war von Amts wegen zu diesem Schritt verpflichtet -, das "angefangene Haus wieder weg zu schaffen".

Wie dieser Streit ausgegangen ist, war nicht mehr festzustellen.

Enne Tjarks Fleßner erwarb in der Zwangsversteigerung die dem Fokke Haase gehörige Siedlung im Südwesten der Gemeinde- Dieses Haus lag am Haseweg und ist in unserer Zeit (1982) von Harm Meints erworben worden.

 

Aus unserem Jahrhundert (19) seien ebenfalls einige Daten genannt:

Johann Pottberg baute ein Haus im Jahre 1902 bei Weene.

Enno Bergmann erhielt 1905 die Baugenehmigung für einen Neubau in der Nähe der Leerer Chaussee.

Klaas Gerdes erbaut 1906 ein neues Platzgebäude.

Marten Hagen ließ 1908 ein neues großes Bauernhaus errichten.

Der Zimmermann Hinrich Kuhlmann konnte 1908 ein neues Haus an der Straße nach Lübbertsfehn errichten. Er hat später als Stuhlmacher gewirkt.

Schmiedemeister Friede Frühling konnte ebenfalls 1908 ein Wohnhaus bei seiner Schmiede errichten.

Enne Gerdes Willms ersetzte sein altes Haus durch einen Neubau. Das war 1909.

Jan Buhr hatte dasselbe schon 1908 getan.

Andreas Gertjes Frühling konnte 1914 am Driefweg einen Neubau errichten.

Weitere Daten:           1927    Gerd Janßen

                                               Siegfried Ballin (Bäckerei)

                                   1928    Andreas de Vries

                                               Jann T. Frühling

                                   1929    Gerd Baker

Es sei gesagt, daß die hier genannten Siedlungen am Ortsrand und auf den "Feldern" nur einen Teilder Ansiedlungen darstellen. Die Besitzer dieser kleineren Bauernstellen wurden Warftleute oder Warfsleute genannt, zum Unterschied von den Herdbesitzern, den alteingesessenen Bauern. Die Warftleute waren mehr oder weniger auf Nebenerwerb angewiesen. Das geschah dadurch, daß sie auf den größeren Höfen arbeiteten, in der Erntezeit, aber auch im Winter, als noch weit und breit mit Flegeln gedroschen wurde. Andere Warftleute wurden Handwerker: Zimmermann, Drechsler, Stuhlmacher, Weber, Schmied, u. a..

 

 

 

 

Die Teilung der allgemeinen Weide

 

Viele Jahrhunderte hat sich das Bild der Gemarkung Ostersander nur unwesentlich geändert.

Dorfkern mit den alten "Herden", einige "Warfen" am Rande des Ortes, später auch vereinzelte Siedlungen in den Außenbereichen, Weene als getrennte Siedlung mit Kirche, Schule und etwa 5 bis 6 Häusern, dann die Gastäcker am Tjüchweg und einzelne umwallte Kampen am Ortsrand, darüber hinaus aber an der Peripherie der Commune die weiten Flächen der "Allmende", der "gemeinden Weyden", des Heidfeldes, diese riesigen Flächen trugen die Namen "Nordbrook", "Westerbrook", "Osterbrook", "Großes Feld" (im Süden), "Rötelmoor", "Westmoor".

Sie waren zum größten Teil Heideflächen, mit Büschen und Bäumen bestanden, und wiesen nur spärlichen Graswuchs auf, so daß das Vieh auf diesen "mageren Weiden" kaum das nötigste Futter fand. Das war lange Zeit das Bild des kleinen Geestdorfes.

 

Schon im 18. Jahrhundert, aber auch schon früher verlangten die Einwohner von Ostersander nach mehr Kulturflächen. Die Einwohnerzahl wuchs und damit auch der Bedarf an Bauland, um die vielen Mäuler einigermaßen satt zu machen. So kam es zum Landerwerb von einzelnen dem Kern des Ortes naheliegenden Stellen. Darüber ist schon, an einigen Beispielen verdeutlicht, berichtet worden.

 

Nun aber trat zu Beginn des 19. Jahrhunderts der bedeutende, grundlegende Wandel in der Struktur der Gemarkung Ostersander ein:

 

die Teilung der "allgemeinen Weyde" d. h. die Teilung der der Allgemeinheit gehörenden, bislang auch gemeinschaftlich genutzten Heideflächen.

Der Weg vom ersten Antrag im Jahre 1804 bis zum Teilungsakt im Jahre 1849 war mühsam und äußerst schwierig.

Wo lagen nun die Hindernisse im Weg?

Da gab es in Ostersander einmal die alteingesessenen Herdbesitzer, also Bauern, die verhältnismäßig viel Land und Vieh besaßen und kostenlose Weiderechte auf den Heidfeldern für sich beanspruchten.

Die Zahl der Herde betrug: 11.

Dabei unterschied man in Voll- und Halbherde, was auch unterschiedliche rechte bedeutete z. B. bei der Pastorenwahl, aber auch bei anderen Entscheidungen in ihrem Gemeinwesen.

Nun aber hatten im Laufe der Zeit landlose, weichende Bauerssöhne kleine Parzellen in der Gemarkung erworben, sich ein Haus darauf gebaut, Land dazu gekauft und so ihren Besitz allmählich vergrößert. Diese Kleinbauern - so könnte man sie nennen - wurden im üblichen und auch amtlichen Sprachgebrauch "Warfsleute" genannt.

Auch diese Bürger - gleichsam die niedere Kaste in der Gemeinde - hatten Anteile an der allgemeinen Weide, wofür sie aber meistens eine geringere Gebühr bezahlen mußten. Bei der Tilgung der Allmende stießen diese beiden Interessengruppen aufeinander. Es galt also für die Herdbesitzer, die den Bauernrichter (Ortvorsteher) stellten, zunächst einmal sich mit den Warftleuten auseinandersetzen und sich mit diesen über die Höhe der Abfindungen, d. h. der diesen zuzuweisenden Flächen zu einigen. Das war ein langer, beschwerlicher Weg und dauerte wie gesagt über 40 Jahre.

 

Dieser Weg sei im folgenden an einigen Stationen deutlich gemacht:

 

Vor der Kriegs- und Domänenkammer in Aurich erschien am 27. April 1804 "von den Heerdbesitzern aus Ostersander"

        1. der Sielrichter Heye Gerdes Aden, und

        2. der Bauernrichter Hinrich Janßen Uken.

Sie sagen, daß die Commune Ostersander resolvieret (entschlossen) sei, ihre Gemeinen Lande zu theilen. Diese Gemeinheits Gründe würden pl. m. 80 Diemathen groß seyn. Sie lägen im Nord Osten des Dorfes Ostersander und wären Grüne Lande. Die Commune Ostersander bestünde aus 8 vollen und 3 halben Heerden, welche sich in jenen Gemeinheits Landen zuu theilen hätten, in dem die Warfsbesitzer daran keinen Theil hätten. Sie bitten, zur Theilung das Erforderliche einzuleiten."

 

Das war der erste Schritt auf dem Wege der Gemeinheitsteilung. Der Antrag betraf aber nur einen Teil der Gemeindeweide, nämlich den zwischen Ortskern Ostersander und Kirche Weene gelegenen Nord- und Westerbrook.

Nach einer Ortsbesichtigung erging von der Preußisch-Ostfriesischen Regierung im Auftrag des Königs Friedrich Wilhelm der Bescheid, die Commune Ostersander möchte "die ganze Gemeinheit und nicht blos ein Stück derselben theilen."

Nun also begannen die nicht leichten Verhandlungen der Commune mit den Warfsbesitzern. Mit einigen von ihnen kam es verhältnismäßig rasch zu einer Einigung, mit anderen blieben die Ergebnisse lange Jahre aus.

Im Jahre 1830 teilte die Behörde in Aurich der Gemeinde mit, daß sie die Teilungsverhandlungen nicht fortsetzten werde, da die Verhandlungen zwischen Herd- und Warfsbesitzern zu keiner Einigung geführt hätten.

Erst im Jahre 1846 wurde diese Einigung mit den letzten Warfsbesitzern erzielt.

Diese bekamen im Osten der Gemeinde je 3 bzw. 4 Diemat Land zugewiesen.

Es sind die Bürger Andreas Frieden, Harm Janßen Renken, Valentinus Gerdes, Rieke Harms, die Witwe des Hinrich Janßen Renken und Valentin Harms.

Erst nach diesen Abfindungen konnten die Herdbesitzer an die Theilung der Restflächen gehen. Zunächst einmal wurde mit Pfarre und Schule, vertreten durch Pastor Schwertmann und Lehrer Friesenborg, Einigung darüber erzielt, daß diese bei der aufteeilung nur an den Broolflächen im Norden und Nordwesten der Gemarkung beteiligt sein sollten, entsprechend ihrer Herdgröße. Die Kirche galt als Vollherd, die Schule als halber Herd.

Übrigends sind diese der Kirche und Schule zugewiesenen Flächen heute (1982) noch festzustellen.

Die gesamte zu verteilende allgemeine Weide betrug 527 Diematen.

Davon bekamen der Staat 30 Diemate, sie lagen an der Grenze zu Holtrop bzw. Bietzefeld. Sie gehörten dann zu dem von dem Pächter Kannegießer verwalteten Domenialand, das dieser später vom Staat kaufte. 140 Diemat wurden an die Warfsleute und Kolonisten abgegeben.

Der Rest von etwa 350 Diemat wurde dann an die Herdbesitzer verteilt.

 

Dazu äußerte sich nach einer Besichtigung der örtlichen Verhältnisse in Ostersander und Holtrop der "Cammer Commissoir v. Frese" aus Hinte, der von der Domänenkammer um ein Gutachten gebeten worden war (1843):

"Die ganze Weide besteht aus p. m. 527 Diemath, wovor die Warfbesitzer und Colonisten, welche als Servitutsberechtigte entschädigt werden, müssen pl. m. 140 erhalten - ich muß sagen, daß es mir nicht einleuchten will, wie sie sich damit haben zufrieden stellen lassen, denn da deren 51 sind, so beträgt eines jeden Parzel noch nicht 3 Diemath."

 

Herr v. Frese hat das ausgesprochen, was damals wohl viele gespürt haben:

Die Teilung der Gemeinheits-Weide wie sie in Ostersander durchgeführt wurde, war keineswegs sozial gerecht. Die Gruppe der Herdbesitzer wurde einseitig bevorzugt. Der Geometer Conring bekam den Auftrag, die Flächen zu vermessen und in "Abtheilungen" zu gliedern, die später durch Losentscheid anteilsberechtigten Herdbesitzern zugewiesen werden sollten.

In einem ausführlichen "Theilungs- und Loosungs-Receß" sind die Anteilseigner aufgeführt und die Teilungsbedingungen genauestens dargelegt worden. Sogar der "Losungs-Act" wurde haargenau beschrieben. Anscheinend ist die so durchgeführte Teilung der allgemeinen Weide auch von niemandem beanstandet worden.

 

Für die interessierten Bürger der heutigen (1982) Gemeinde Ostersander seien hier die Namen der beteiligten Herdbesitzer aufgeführt. Dabei werde ich versuchen, im Anschluß an die nach dem Original wiedergegebene Liste einige Erläuterungen zu geben - soweit es mir möglich ist.

 

"        1.   die Witwe des Hausmannes Reiner Janßen Schön und der Hausmann
              Bruncke Klaashen als Eigenthümer einer Platzgerechtigkeit in

             Commusion

        2.   der Hausmann Behrend Andreeshen

        3.   der Hausmann Jacob Frieden und dem Hausmann Menne Marters

             Hagen und dessen Bruder Andreas Marters Hagen und Marten

             Marters Hagen

        4.   der Hausmann Garrelt Albers Trauernicht

        5.   der Hausmann Harm Mimcken Gronewold

        6.   der Hausmann Jürgen Frieden

        7.   der Hausmann Jacob Mimcken Gronewold und der Hausmann Berend

             Gerdes Gronewold, als Eigenthümer einer Platzgerechtigkeit in

             Communion

        8.   der Hausmann Marten Ecken Fleßner

        9.   der Hausmann Enne Ennen Fleßner

        1ß. der Hausmann Habbe Ehmen Aden

        11. die Hausleute Andreas Frieden, Valentin Gerdes und Riecke Harms als

              Eigenthümer des von Clas Hinrich Saathoff herrührenden Platzgerech-

             tigkeit."

 

Anmerkungen:

zu 1)    Der Hof des Reiner Janßen Schön stand da, wo heute (1982) etwa die Hanseaten-

            halle an der Strasse "im Loog" steht.

            Bruncke Klaashen wohnte auf dem Grundstück der jetzigen (1982) Familie Gerd

            Baker. Dieser hat sein Hofgebäude abgerissen und im Süden der Gemarkung an

            der Straße nach Großefehn wieder aufgebaut (Heute: Enno Heeren).

 

zu 2)    Der Bauernhof des Behrend Andreßen stand auf dem Grundstück des P. Cassens.

 

zu 3)    Jacob Frieden hieß später Jacob Frieden Frühling.

            Nur ein schmaler Gang trennte dieses Haus von dem Haus des unter 4) genannten

            Garrelt A. Trauernicht.

            Der Sohn des Jacob Frühling, Gerd Lüken Frühling verkaufte seinen Hof und zog

            nach Tütelburg bei Emden. Das Haus erwarb Albert S. Trauernicht.

            1932 brannten beide Häuser ab. Heuselbstentzündung war die Ursache.

                        Der Hagenshof stand etwa dort, wo heute (1982) Andreas Hagen (vormals

            Willm Hagen) wohnt. Dieser Hof wurde 1908 geteilt. Der neue Hof entstand auf

            dem früheren Grundstück der Familie Gerjet J. Fecht, die dort ein kleines Haus

            besaß. Westlich dieses Hauses befand sich ein weiteres Landarbeiterhaus, das zu

            dem Hof Nr.5 (Gronewold - F. L. Saathoff) gehörte. Hier wohnte bis zum Ab-

            bruch in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts die Witwe des Harm Janßen

            Hiemkemöh. Der Sohn Gerd Janßen erwarb auf derselben Parzelle (Heute:

            Holtroper Str. ) einen Bauplatz und baute dort 1927 ein Haus, etwa zur gleichen

            Zeit mit Siegfried Ballin, der hier eine Bäckerei eröffnete (Heute (1982): Man-

            ßen).

zu 5)    Die Reste des Hauses des Harm Mimcken Gronewold - die Erben waren später

            Folkert Lübben Saathoff und Jürina geb. Fastenau - stehen heute noch.

            Trauernicht kaufte dieses Haus 1927 - auch Grundstücke gegenüber -, als der

            ganze   Hof, da keine direkten Erben vorhanden waren, stückweise verkauft wurde

zu 6)    Jürgen Frieden, später Mimke Jürgens Antons - Friede Antons - Roolf Antons

 

zu 7)    Berend Mimken Gronewold vielleicht Haus Meta Eschen (Buschmann)

                        Dieses Haus wurde Anfang der 70er Jahre letztes Jahrhunderts abgebro-

            chen. Es gehörte zuletzt Frerich Gronewold. Sein Vater hieß Heye Jakobs Gro-

            newold. Heute (1982) steht an der gleichen Stelle das Geschäftshaus Kampenga.

zu 8)    Der Fleßnersche Hof lag in Weene, heute (1982) im Besitz der Familie Saathoff.

            Diese Familie besaß ursprünglich den Hof Nr.2. Jan Behrens etrwarb den Hof der          

Familie Marten Ecken Fleßner in Weene. Hier wurde früher eine mehrfach er-

            wähnte Gastwirtschaft betrieben. Es sei hier nebenbei erwähnt, daß dieses Wirts-

            haus ebenso wie die Pastorei und das Lehrerhaus früher an dem Hauptweg lagen,

            der nach aurich über Schirum Neermoor führte. Erst um die Mitte des 18. Jahr-

            hunderts wurde die straße durch den Brook gebaut, also in gerader Linie von der

            heutigen Gastwirtschaft Altona, an der Kirche vorbei nach Schirum. Mit diesem

            Straßenbau verlor die Gastwirtschaft Fleßnerihre verkehrsgünstige Lage und

            damit ihre Bedeutung, an ihre Stelle trat dann der Gasthof Altona.

zu 9)    Enne Ennen Fleßners Hof stand ursprünglich zwischen den heutigen (1982)

            Platzgebäuden von Gerd Aden Fleßner (jetzt (1982): C. Heeren - Fleßner) und

            Willm Aden Fleßner (Jetzt (1982): Heeren).

            Die beiden hier genannten Gerd und Willm waren Söhne des Enne Ennen

            Fleßner.

            Aus diesem Hof stammt der um 1800 in vielen Akten genannte Sielrichter Heye

            Gerdes Aden. Er war auch Bevollmächtigter der Commune Ostersander und muß

            eine angesehene Persönlichkeit gewesen sein.

zu 10)  Dem Habbe Aden gehörte einer der größten Höfe in Ostersander; dieser stand im

            Ortskern. Martin Aden hatte anstelle dieses Hofes ein neues Platzgebäude an der

            Straße nach Westersander errichtet und den alten Hof abbrechen lassen.

zu 11)  Andreas Frieden nannte sich später Frühling.

            Sein Vater Friedrich Jacobs stammte aus dem Haus Nr.3 und war der Sohn des

            dort genannten Jacob Frieden. Dieser bekam ein Drittel des elterlichen Hofes und

            - darunter das 1771 von Mimke Friedrichs erbaute Haus - das da stand, wo heute

            (1982) noch ein Andreas Frühling wirtschaftet.

            Valentin Gerdes Haus stand auf dem Grundstück gegenüber Peter Harms

            (Früher Hinrich Rencken). Er war ein Nachkomme des in einer Grundstücks-

            akte erwähnten Rencke Weyerts.

            Valentins Sohn Gerd und dessen Sohn Klaas brachen dieses Haus ab und bauten

            1906 ein neues Bauernhaus auf der Brink.

            Rieke Harms Haus stand und steht da, wo der "Wiesener Weg" von der Straße

            nach Holtrop abgeht.

            Der in diesem Zusammenhang genannte Claas Hinrich Saathoff, von dem die

            Herdstelle Frühling-Gerdes-Harms stammt, könnte möglicherweise in Weene

            gewohnt haben, und zwar an der Stelle, wo heute (1982) Habbe Romaneßen

            wohnt. Aber diese Vermutung ist nicht erwiesen.

 

In den "Theilungs- und Wohnungs- Receß" von 1849 wurden alle Regeln festgelegt, die die Voraussetzung für eine saubere, gerechte Theilung des "Großen Feldes", d. h. der im Süden gelegene Gemeinheitsweiden bildeten:

 

"      § 2

Das sog. große Feld ist in vier Abtheilen getheilt und in der Charte aufgeführt worden und zwar die erste Classe in Verfolg dieses dort mit litt A (Buchstabe A) bezeichnet. Die zweyte Classe umfaßt zwey Abtheilungen, welche mit litt. B und litt. Bb bezeichnet und die dritte Classe mit litt. C bezeichnet worden.

 

        § 3

Jede dieser vier Abtheilungen in den drei Classen ist in 11 (elf) gleiche oder doch gleich anzunehmende Theile ausgewiesen, welche auf der diesem Dokument beygefügten Charte mit Zahlen signiert, auch an Ort und Stelle durch Grenzpfähle und Ritzen und durch Eingraben der correspondierenden Zahlenzeichen deutlich sind."

 

Die Größe der einzelnen Losflächen schwankte zwischen 3 und 5 Diemat und hing wohl von der Bodenqualität ab. Es wurde bestimmt, daß die künftigen Besitzer die Grundstücke zu verwalten hätten, dabei sollte der Wall an der Sohle eine Breite von 8 und oben eine Breite von 3 Fuß erhalten.

"Alle anzulegenden Wege in der fraglichen Gemeinheit sollen auf gemeinschaftliche Kosten angelegt werden. Auch künftig sollen sie gemeinschaftlich nach Verhältnis der vollen und halben Plätze, ohne Rücksicht auf Anlieger oder Nichtanlieger unterhalten werden. - Dieses eben bestimmte gilt jedoch nur von den Hauptwegen- Dagegen müssen die, zu einzelnen Stücken führenden Neben- oder Landwege von denjenigen angelegt und unterhalten werden, welche solche nur allein zu benutzen haben."

 

In diesem Vertrag wurde auch die Entwässerung geregelt.

So wurden dort auch neue schaupflichtige Waserzüge angeordnet und Bau und Instandhaltung geregelt, z. B. bei dem "Bietzetog", dem Enrwässerungsgraben entlang des Driefweges.

 

Damit die Einteilung der Feldmark zügig in Angriff genommen wurde, legte dieser Ver trag den Fertigstellungstermin fest: Die Begrenzungsarbeiten in den abteilungen A, B, und Bb sollten bis zum 1. 5. 1850, die Arbeiten in Abteilung C am Martinus 1850 abgeschlossen sein.

 

In den Paragraphen 16 und 17 des Recesses heißt es dann noch:

" Alle früher über die fragliche Theilung und die künftigen Verhältnisse der Theilenden geschlossenen mündlichen und schriftlichen Verabredungen, sollen hierdurch beseitigt und ohne Ausnahme für nicht geschlossen zu achten sein."

"Für die Größe und Übereinstimmung der verschiedenen Lose, in ihrer Größe wird … keine Gewähr geleistet, vielmehr werden dieselben für völlig gleich angenommen, auch wenn sie in der Größe sowie in der Bodengüte erweislich voneinander abweichen, oder einzeln das angegebene Maß nicht haben möchten."

 

Zu §19 wurde festgelegt, daß der Herdbesitzer der bei der Ziehung z. B. Los Nr.3 zieht, dieses Los in allen vier Abteilungen erhält.

In diesem feierlichen Losungs-Act wurden am 14. Juli 1849 die Lose gezogen und die Ergebnisse in einem Protokoll festgehalten.

 

Jetzt hatten die fast fünfzigjährigen Bemühungen um die Teilung der allgemeinen Weide ihren Abschluß gefunden.

Doch nun begann für die Einwohner von Ostersander eine schwere Zeit.

Nur ein Jahr etwa hatten sie zur Verfügung, nun die vorgeschriebenen Begrenzungs- und Entwässerungsarbeiten durchzuführen.

Bedenken wir doch, da0 die vielen Wälle per Hand errichtet werden mußten, daß ebenfalls alle Gräben auf diese beschwerliche Weise gezogen werden mußten.

Denken wir auch daran, daß nun auch die Kultivierung der Heidflächen, die vielfach mit "Busch und Brak" bestanden waren, in Angriff genommen werden mußte, und das alles mit dem damaligen, noch recht primitiven Mitteln.

Wir sollten diesen fleißigen, unermüdlich, tätigen "Pionieren der Wildnis" unsere Hochachtung nicht versagen.

 

 

Straßen- und Wegebau

 

Noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts gab es im Ortsbereich Ostersander keine einzige Straße, wenn man von der Gemarkung Ostersander im Osten berührende Leerer Chaussee absieht, die bis 1849 gebaut worden war.

Bis dahin gab es also in Ostersander nur Landwege.

Diese mußten zu einem Teil von den Herdbesitzern in Ordnung gehalten werden. Vor allem die Wege, die in die allgemeine Weide führten. Für die übrigen Wege war die Gemeinde verantwortlich.

Im Herbst waren die Wege oft in einem katastrophalen Zustand. Das Vieh wurde morgens auf die Weiden getrieben und abends nach Hause gebracht, um dort gemolken zu werden. Dadurch wurden gerade die Fußpfade, die neben der Wagenspur herliefen, arg in Mitleidenschaft gezogen, so daß sie völlig unpassierbar wurden. Erst nach dem Aufstallen des Viehs Anfang November wurden die Wege und Pfade in Ordnung gebracht.

Die "Meentewarkers" oder die "Mewarkers" versammelten sich dann. Unter der Leitung des Gemeindevorstehers wurden die Pfade eingeebnet, die schmalen "Paddgöten" neu ausgehoben. Einige Bauern fuhren dann aus den Sandstichen, von denen es eine ganze Reihe gegeben hat, gelben Sand herbei, der dann von vielen fleißigen Händen auf die Pfade gebracht wurde. Nun konnten Erwachsene wieder trockenen Fußes von ihren Häusern auf dem "Feld" ins Dorf gelangen und die Kinder unbeschadet die Schule besuchen. Diese Gemeindearbeit wurde von fast allen Bürgern ernst genommen.

 

Wie schon oben erwähnt, mußten die Herdbesitzer einen Teil der Gemeindewege allein in Ordnung halten. Diese Regelung bestand noch in den ersten Jahren nach dem ersten Weltkrieg. Man sprach von sog. "Burenmewarken".

 

An 26. Mai 1921 fand unter Anwesenheit des Landrats Barkhausen eine Versammlung aller Herdbesitzer statt,  die zur sog. Bauerngemeinde oder Realgemeinde gehörten, um über die Neuregelung der "Hand- und Spanndienste" zu beraten.

Man nahm mit 17 gegen 11 Stimmen einen Beschluß an, wonach Grundstücksbesitzer von Grundstücken        bis zur Größe von    5 ha 1 Mann, 1 Tag

                                   bis zur Größe von  10 ha 1 Mann, 2 Tage

                                   bis zur Größe über 10 ha 1 Mann, 3 Tage stellen sollte.

Dieser Beschluß wurde aber vom Gemeindeausschuß am 23. Juni 1921 wesentlich geändert und eine Staffelung von 1/2 Tag bis 4 1/2 Tagen beschlossen. Aber dagegen wehrten sich einige Herdbesitzer, anscheinend mit Erfolg. Denn erst in dem Ausschußprotokoll vom 28. Mai 1930 wird von der endgültigen Regelung berichtet:

                                                                           2 ha 1 Mann, 1/2 Tag

                                                                           7 ha 1 Mann, 1 Tag

                                                                         14 ha 1 Mann, 2 Tage

                                                                         21 ha 1 Mann, 3 Tage

                                                              über   21 ha 1 Mann, 4 Tage.

Es wird angenommen, daß diese Regelung bis 1936 in Kraft blieb.

Dann wurden einige geringfügige Änderungen in der Staffelung vorgenommen. Der feste Ausbau der Wege nach dem 2. Weltkrieg beendete die alte Regelung der gemeinschaftlichen Wegepflege, des "Mewarkens".Ein Stück Mitverantwortung und Mitarbeit ging damit verloren.

 

Der Ausbau der Straßen Schirum - Neermoor und der Dorfstraße:

Der Ausbau der Straße von Schirum nach Neermoor waren langwierige und äußerst schwierige Verhandlungen mit den Gemeinden und Grundeigentümern vorausgegangen.

Denn die Begradigung des kurvenreichen Weges war Voraussetzung für den Bau, stieß aber bei vielen Beteiligten auf Widerstand.

 

Die Verhandlungen begannen im Jahr 1831. Sie wurden wegen Ergebnislosigkeit 1848 unterbrochen, dann aber rasch wieder aufgenommen und Anfang der 60er Jahre im 18. Jahrhundert zum Abschluß gebracht.

Der Ausbau der langen Strecke erfolgte in den Jahren von 1863 bis 1880.

Damit war Ostersander an das verbindende Straßennetz angeschlossen.
Dieses brachte dem Ort erhebliche Vorteile.

 

Im Jahre 1900 stellten die Bürger von Ostersander mit 40 gegen 34 Stimmen den Antrag, die Kosten für den Straßenbau durch den Ort Ostersander ermitteln zu lassen.

Diese Straße sollte die neue Straße von Schirum nach Westgroßefehn mit der Leerer Chaussee verbinden (Heute: Holtroper Strasse).

 

Nachdem der Kreis einen Zuschuß von 17.000,- ReichsMark bewilligt hatte, beschloß die Gemeinde mit 48 gegen 29 Stimmen den festen Ausbau. Die Gesamtbaukosten wurden auf 34.350,- ReichsMark veranschlagt. Die Beschlußversammlung fand im Hause der Witwe des Andreas Frühling statt. Der hier gewählten Baukommission gehörten an:    Mimke Antons, Andreas Frühling, Jann R. Schön, Gerd Gerdes, Albert Trauernicht, Andreas Hagen und Habbe Aden.

 

Die Bauausführung wurde dem Bauunternehmen Riemann in Oldersum übertragen. Die staatliche Bauaufsicht hatte der Kreiswegebaumeister Bliedung. Eigenartig mutet der Antrag der Baukommission an, keine Straßenbäume pflanzen zu müssen. Dieser Antrag war damit begründet worden, daß sich diese schädlich für die anliegenden Gärten und Grundstücke auswirken würden. Dieser Antrag wurde aber von der Behörde abgelehnt, nur an einigen wenigen Stellen dürfte auf die Anpflanzung verzichtet werden. Die neue Strassentrasse folgte im wesentlichen dem alten Wegeverlauf. Nur einige wenige Krümmungen wurden begradigt.

 

In der endgültigen Kostenabrechnung (im Jahre 1903) stellte man fest, daß die Gesamtkosten mit 32.410,- ReichsMark unter dem Voranschlag von 34.350,- ReichsMark geblieben waren.

 

 

 

 

 

Von Gastwirtschaften in Ostersander

 

Daß es in Ostersander - wie auch in anderen Dörfern - schon sehr früh Gastwirtschaften gegeben hat, ist anzunehmen. Auch scheint es festzustehen, daß oft mehrere Wirtschaften zur gleichen Zeit bestanden haben. Die älteste Gastwirtschaft ist wahrscheinlich in Weene betrieben worden, und zwar im "Weener Plaats", der heute (1982) von der Familie Saathoff bearbeitet wird. Hier wurde auch Bier gebraut, das bei Familienfeierlichkeiten an die Einwohner der benachbarten Gemeinden geliefert wurde, z. B. zum "Tröstelbier", das bei Trauerfeiern ausgeschenkt wurde. In der Heuernte nahmen die Bauern gerne dieses Bier mit in die Meeden. Diese Weener Gastwirtschaft lag günstig am früheren Heerweg von Aurich nach Neermoor. Hier kehrten die Reisenden gerne ein. Ob auch die Kirchenbesucher nach dem Gottesdienst diese Gastwirtschasft aufsuchten -wie in anderen Gegenden- das weiß man nicht mehr zu sagen.

Im Jahre 1807 stellte der Kaufmann Dietzen aus Ostersander den Antrag, ihm eine Krügerei zu genehmigen.

 

"In dem von mir, von meiner Schwiegermutter, der Witwe Predigerin Coners, angekauften Hause ist seit Erbauung desselben mit höchser Erlaubnis Jahre lang die Krügerey getrieben worden und von den nachher darin wohnenden Heuersleuten, als W. Achillies, Kettwick und Hiele Siebels geführt worden. Die nachfolgenden Bewohner und Eigentümer namentlich Johann Hinrich Fleßner und dessen Ehefrau haben darin Gennoer Bier gebraut und Schnaps geschenkt."

 

Dieser Antrag wurde abgelehnt u. a. mit der Begründung, im naheliegenden Weene gäbe es schon eine gutgehende Gastwirtschaft, außerdem lägen an dem Wege von Aurich nach dem großen Fehn schon vier Gastwirtschaften.

Immer wieder beantragten einzelne Ostersander Bürger die Konzession, so auch Roolf Gerdes, wohnhaft am "Heerweg", wo der Weg nach Holtrop abgeht. Dieser sagte in seinem Antrag, daß außer der "Krügerey von Marten Ecken Fleßner" alle anderen Schankwirtschaften eingegangen seien. Doch auch dieser Antrag wurde abgelehnt.

Auch der 1825 gestellte Konzessionsantrag des Berend Gerdes Lüken Gronewold fand bei der Behörde in Aurich keine Zustimmung. In dem Ablehnungsbescheid der Königlichen Landdrostey heißt es:

 

"Berend Gerdes Lüken Grionewold zu Ostersander hat gebeten, ihm die Konzession zur Schenkwirtschaft zu ertheilen an Statt seiner Mutter, welche dieses Gewerbe vermöge eines früheren Patents vom Jahre 1817 bisher betrieben hat, kürzlich aber mit Tode abgegangen ist. Wir können diesen Antrag zur Genehmigung nicht empfehlen, weil das Haus des Bittstellers kaum 100 Schritt von dem Marten Ecken Fleßner entfernt steht, welcher auch schon dieses Gewerbe betreibt, und lange Jahre getrieben hat, und fast allen Zustpruch von den Reisenden allein genießt. Für die Commune Ostersander, die kaum 30 Wohnungen zählt, ist eien zweyte Schenkwirtschaft eben so wenig als für en Reisenden erforderlich und dürfte daher in dem vorliegenden Falle der Grundsatz zur Verwendung kommen müssen, daß die Zahl der Schenkwirtschafen wo es thunlich zu vermindern sei."

 

Im Jahre 1869 reichte der Landwirt Andreas Andreßen Frühling ein Gesuch um Ertheilung der Concession zur "Betreibung der Gast- und Schenkwirtschaft".

Hier heißt es u. a.:

 

"Seit dem Jahre 1867 betreibe ich in dem Dorfe Ostersander das Krämergewerbe mit sichtlich gutem Erfolge. Mein Haus liegt an dem Fahrwege, welcher direkt und in ziemlich gerader Richtung über die Aurich - Leerer Chaussee nach Ostersander führt und in den Fahrweg nach West-Großefehn mündet. Jener ist ein zu jeder Jahreszeit stark befahrener und namentlich steigt während der Heuernte die Frequenz zu einer außerordentlichen Höhe. Ja, daß täglich 80 bis 90 Heufuhren mein Haus passieren, ist nichts Außergewöhnliches.
………. Es fällt nun nicht selten vor, daß die Führer der Heuwagen welche in den Meeden bei Ihlow, Hüllen und Simonswolde fahren und bei meinem Hause angekommen, bereits eine Wegstrecke von 2 bis 3 Stunden zurückgelegt haben, für sich und die Pferde eine Erfrischung von mir verlangen die ich ihnen natürlich nicht reichen darf, da mir die Concession zum Ausschank fehlt. Sie müssen ermattet wie sie sind, mit ihren gleichfalls durstigen und ermüdeten Vieh den Weg fortsetzen, weil weit und breit kein Wirtshaus liegt. ……

Der Antragsteller bemerkt dann noch, daß auch in den übrigen Jahreszeiten dieser Weg durch Ostersander stark benutzt würde und deshalb
"die Ethablierung einer Wirtschaft hierorts ein wirkliches Bedürfniß" sei.

 

Zu seiner Person führt Andreas Andreßen Frühling noch folgendes aus:

"Was meine Persönlichkeit anlangt, so erfreue ich mioch eines guten Rufes; ich bin Soldat gewesen und habe mir durch den Dienst, wie ich ohne Unbescheidenheit aussprechen darf, eine gewisse Anstelligkeit und Gewandheit angeeignet, die zur guten Führung einer Wirtschaft erforderlich ist. Ich habe mich stets der größten Mäßigkeit und Nüchternheit befleißigt und gerade die letzteren Eigenschaften dürften die beste Garantie für eine solide Wirtschaftsführung in sich bergen."

 

Dieses Gesuch wurde von 31 Bürgern aus Ostersander, Holtrop und Wiesens unterschrieben und befürwortet. Aber anscheinend hat der Antrag bei der Genehmigungsbehörde in Aurich keine Zustimmung gefunden.

Die Gastwirtschaft wurde nicht eingerichtet.

Neben der früher in Weene betriebenen Wirtschaft war wohl am bekanntesten die, die ursprünglich am alten Heerweg auf dem jetzigen (1982) Fußballübungsplatz gegenüber dem Hause Buschmann stand, später, als die neue Straße durch den Brook gebaut wurde, abgerissen und an dem jetzigen Platz (Altona) neu erbaut wurde.

(Coob Fleßner -  Marten S. Fleßner - Zimmermann)

 

 

 

 

 

 

 

D. Verschiedene Ereignisse und Daten

- vom alten Handwerk -

 

1. Das Weberhandwerk

Auf dem Möhlenfeld wohnte die Familie Weers-Hinrichs. Im Ort nannte man die beiden letzten Vertreter dieser Familie allgemein Hinnerk und Jann Weers. Sie waren beide unverheiratet und lebten von ihrer kleinen Warfstelle.

Hinrich verdiente sich durch Arbeit auf den Bauernhöfen ein wenig zum Lebensunterhalt dazu. Jann sorgte sich um den Haushalt und die Stallarbeit.

In diesem Hause Weers stand der letzte in Ostersander benutzte Webstuhl. 1930 war er noch vorhanden, wurde aber als Webstuhl nicht mehr benutzt. Er stand einsam in der Kammer des Warfshauses. Früher war auf diesem Webstuhl das bekannte "Ostfriesische Leinen", "dat Viehschaft" gewebt worden. In manchen Häusern mögen auch heute noch Leinen aus jener Zeit (Laken, Bettwäsche) oder auch Schürzen, Kleider und Jacken vorhanden sein. Die meisten Einwohner von Ostersander hatten einen eigenen Flachsacker und bearbeiteten die Flachs, bis er gesponnen und gewebt werden konnte. Die letzte Weberfamilie, die dieses Handwerk mit großem Geschick betrieben hat, war die Familie Weers. Kein Wunder also, daß von vielen  Bürgern die beiden Brüder nur "Hinnerk und Jann Wäever" genannt wurden.

An dieser Stelle sei auch der Webermeister Melchert Koch erwähnt. Er wohnte im 18. Jahrhundert im Hause der jetzigen (1982) Witwe Motje Röbkes. Auch er hat das heute längst vergessene Weberhandwerk in Ostersander ausgeübt.

 

2. Das Drechslerhandwerk

Die Arbeit des Drechslers könnte man mit der des Tischlers vergleichen. Diese Handwerke waren in früherer Zeit in Ostersander vielfach vertreten.

Von dem Drechsler wurden vielfache Holzarbeiten ausgeführt: Türen, Fenster, Bänke, Schränke, Tische, aber auch landwirtschaftliche Geräte wie Harken, Karren, Eggen wurden von dem Drechsler mit einfachen Geräten und Werkzeugen hergestellt bzw. angefertigt.
Die Werkstatt war ein kleiner, schmaler Raum neben Küche und Kammer des Wohnhauses. Sie hieß im Volksmund "Winkel". Der Drechsler wurde dementsprechend auch wohl "Winkelbaas" genannt.

Der letzte Winkel war wohl im alten Haus von Gerd Behrens Harms. Peter Harms hat dort selbst noch kleinere Arbeiten ausgeführt. Die Drechslerei war hier von früheren Besitzern des Hauses, der Familie Renken betrieben worden.

Auch in der Familie, die gegenüber von Gerd Behrens Harms (früher Renken) ihre Warfstätte hatte, war das Drechslerhandwerk zu Hause. Hier lebten u. a. Gerd und Harm Vahlentiens. Wegen ihrer Tätigkeit wurden sie auch wohl Gerd bzw. Harm Drechsler genannt.

Im Kirchenbuch von Weene findet sich die Berufsbezeichnung Drechsler als Familienname, eingetragen von dem damaligen Pastor Fischer: Gerd Harms Drechsler.

Später haben die Vahlentiensfamilien die Namen Harms und Gerdes angenommen.

Die älteren Bürger von Ostersander werden sich daran erinnern, daß diese genannten Familien noch in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts unter der Namensbezeichnung Gerd Valentins (Großeltern von Wemke, Dorothea, Rixte und Gerd Gerdes) bzw. Harm Valentins ( Großeltern von Harm, Gesche, Hilke und Johann Harms) bekannt waren.

 

3. Das Stuhlmacherhandwerk

Aus der Drechslerei hatte sich im Laufe dwer Zeit ein Spezialhandwerk entwickelt: Die Stuhlmacherei. Hinrich Kuhlmann, gelernter Zimmermann, betrieb seit 1908 eine solche Werkstatt, in der er die bekannten ostfriesischen Küchenstühle herstellte. Für diese Arbeit verwendete Kuhlmann schon für damalige Verhältnisse recht moderne Maschinen und Geräte: Der Verfasser (Heie Frühling ) - der ersten Ortsbeschreibung von Ostersander in 1982, hat sich in seinen Kinderjahren oft in dem Winkel von Hinrich Kuhlmann aufgehalten. Das kam dadurch, daß dessen Söhne Bernhard und Reiner mit ihm etwa gleichaltrig waren. Sie schauten interessiert zu, wie der Meister mit der Bandsäge das abgelagerte Holz zurechtschnitt und dann auf der Drechslerbank bearbeitete. Auch das Herstellen der Sitzflächen aus besonderen Binsen war für sie sehenswert.

Nebenbei hatte diese Werkstatt für die Buben noch eine besondere Bedeutung. Hier wurden die Boßelkugeln, die "Klooten" gedreht. Sie waren niemals ganz rund, dafür aber äußerst billig. Wer konnte sich damals schon die teuren Kugeln aus Pockholz kaufen?
Es waren doch die schweren 20er Jahre!

 

 

4. Das Schusterhandwerk

Dieses Handwerk war in Ostersander in allen Generationen vertreten. Aus der großen Zahl der Schusterfamilien seien nur einige wenige genannt.

Etwa um das Jahr 1750 lebte auf dem Mühlenfeld der Warfsmann Marten Rudolfs. Dieser übte nachweislich den Beruf des Schusters aus. Sein Sohn Marten Martens Hagen heiratete im Jahre 1802 Menna Andreßen, die Tochter des Bauern Menne Andreßen und übernahm den Hof (heute (1982) Andreas Hagen). Einer aus dieser Ehe entsprossenen Söhne mit dem Namen Andreas führte das Schusterhandwerk fort. Er war körperbehindert und hatte die für die damalige Zeit nicht seltene, aber wohl sehr bedeutsame Gabe des "Zweiten Gesichts". Er sah wichtige Ereignisse der Zukunft voraus. Mit Andreas Hagen, Bruder des seinerzeitigen Ortsvorstehers Marten Martens Hagen (1821 - 1888) starb in dieser Familie das Schusterhandwerk aus.

Auch im heutigen (1982) Hause des G. Röbkes (Nähe Altona) gab es um die vorletzte Jahrhundertwende den Schuster  Anton Koch, Sohn des vor erwähnten Webers M. Koch.

Auf dem Mühlenfeld war die Familie Jann Nannen zu Hause. Das Haus selbst stand in der Nähe des Hauses Röbkes. Die Flurbezeichnung "Schusters Tun" deutet auf das in diesem Hause betriebene Schusterhandwerk hin.

Als letzter Schuster in der Gemeinde Ostersander sei Gerhard Frühling erwähnt, für die älteren Einwohner Ostersanders unvergessen. Seine erste Tätigkeit als junger Schuster führte er in "Hiemkemöhs Huus", das zum Hof von Folkert Lübben Saathoff gehörte und 1921 abgebrochen wurde, aus

Auch im Armenhaus auf dem Möhlenfeld schusterte Gerhard Frühling vorübergehend, bevor er mit seinen Eltern Jann Tammen Frühling und Marie in das auf dem ehemaligen Sandstich (Nähe Gerd Kruse (1982)) neuerbaute Haus zog.

Wer wird sich nicht gerne an die dortige Schusterwerkstatt und dem frohen Meister seines Fachs erinnern?

Ein allzu früher Tod setzte seinem noch jungen Leben ein Ende.

 

 

5. Das Stellmacherhandwerk

Dieses Handwerk, einst in allen deutschen Landen sehr angesehen, ist inzwischen aus unseren Dörfern verschwunden.

Erst nach dem 2. Weltkrieg richtete Andreas Frühling "ut Drift" am "Tjüchdränk" eine Stellmacherei ein.

Hier stellte er Ackerwagen, Erdkarren, Karren, Leitern und anderes Gerät her, soweit es sich um Holzarbeiten handelte. Der Schmied erledigte dann die Beschläge an den Fahrzeugen und Geräten.

Im Zuge der rasch fortschreitenden Motorisierung verlor die Stellmacherei ihre wirtschaftliche Grundlage. Der Stellmacher mußte sich nach neuen Erwerbsquellen umsehen. Aus der Stellmacherei wurde nach und nach ein großes Möbelhaus.

 

Von Wilddieben und anderen Bösewichtern

 

Der Tod des Hofjägers Richtering

 

Daß in früheren Zeiten Wilddiebereien in allen Gegenden weit verbreitet waren, ist offenkundig. Sicherlich haben auch die Einwohner Ostersanders dieser verbotenen, gefährlichen Leidenschaft gefrönt. Sie taten das - wie auch in anderen Dörfern - auf verschiedene Weise:

Sie stellten Fallen oder legten Schlingen aus, oder aber sie gingen mit Schrotflinten auf die verbotene Jagd. Wurden die Diebe dabei erwischt, gab es empfindliche Haft- oder Geldstrafen. Beamte aus Aurich, die Hofjäger, überwachten die Jagdbezirke. Das war kein leichtes, ja oft sogar ein gefährliches Amt.
Von dem Tod des Hofjägers Warner Richtering sei hier berichtet:

Am 31. Mai 1721 meldete der Beamte Fridag von Goedens seinen "Durchlauchtigsten gnädigsten Fürsten" von Ostfriesland:

 

"Herr Hochfürstliche Durchlaucht habe hierdurch unterthänigst berichten sollen, wie daß der Jäger Warner Richtering gestern nachmittag, vielleicht auf der Wildbahn achtzugeben und zu ficitieren nach Ostersander geritten, wo selbst er auf der Gaste einen Kerl mit einer Flinte angetroffen, darufhin sogleich auf ihm zugeritten währe der Kerl in einen Busch gesprungen, als er ohngefähr an dem Orte angekommen, wo er ihm aus dem Gesicht verlustig geworden, hätte der Kerl auf beinahe 10 oder 12 Schritte Feuer auf ihn gegeben und der Gestalt mit Schrot in dem linken Arme, Seite, Hals und Gesicht verwundet, daß er, da er doch wieder nach ihm geschoßen, die Flinte nicht recht habe auflegen können. Er hätte sich sehr matt befunden, doch noch endlich so lange auf sein Pferd erhalten, bis er zu Ostersander durch Hilfe des daselbst wohnenden Hausmannes Mimke Frerichs in sein Haus gekommen, da er sogleich einen Kerl mit dem Pferd anhero an mir abgeschickt und ihm einen Barbier ihm zu Ostersander vorführen zu lassen, worauf ich sogleich den Wilman Wilhelms zu Pferde und den Bühren hinaufgesand …"

 

Dieser Vorfall ereignete sich hinter den Gastäckern am Tjüchbusch. In der Nähe befand sich der Bauer Jürgen Everts in seinem Kanp Högforde zusammen mit seinem Knecht Jahann Frerichs und einem Mädchen, das beim Pflügen Mist in die Furchen legte.

Jürgen Everts und Johann Frerichs wurden vernommen. Sie sagten beide aus, daß sie die Schüsse gehört hätten. Der Knecht sei rasch auf einen Baum geklettert und habe den Wilddieb noch in Richtung Rötelmoor weglaufen sehen. Aber er hätte ihn nicht erkannt. Dieser hätte aber nach seinen Betrachtungen "ein graues Wams und eine linnen Hoßen" angehabt.

Auch Warner Richtering konnte noch vernommen werden, war aber nicht imstande, zur Person des Täters genaue Angaben zu machen.

Am 9. Juni 1721 verstarb Warner Richtering an den Folgen seiner schweren Verwundung. 19 Wunden hatte der Arzt, der zur Untersuchung nach Ostersander geschickt worden war, festgestellt. Der Fürst versuchte noch einmal den Täter zu ermitteln, und zwar dadurch, daß er eine Belohnung von 50 Thalern demjenigen versprach,
"der solchen Thäter nahmhaft machen, und solche Indicia anzeigen wird, woraus er der That überführet und zur gebührenden Strafe gezogen werden könne, mit der gnädigsten Versicherung, daß nicht allein sein Name gäntzlich verschwiegen werde, sondern auch, wenn er etwa sich dieses Verbrechens mit theilhaft gemacht haben möchte, er deshalb nicht die geringste Ahndung und Bestrafung zu befürchten haben sollte."

 

Aber auch dieser Versuch, Licht in das Dunkle der Geschehnisse am Tjüchbusch zu bringen hatte keinen Erfolg.

Der Tod des Warner Richtering blieb ungesühnt.

 

 

Jan Frerichs

 

Im Jahre 1728 wurde der Haussohn Jan Frerichs aus Ostersander wegen Verdacht auf Wilddieberei angeklagt, weil er
"jüngst gegen Abend mit einer mit Hasenschrot geladenen Flinte von dem Forstknecht Ulfert Garrelts in der Wildbahn getroffen und sich als des Wildschießens sehr verdächtig gemachet."

 

In der Vernehmung sagte Jan aus, "er sei hinter Ecke Riekens Kohlgarten gegangen um dort Krams Vögel (= Krammetvögel) zu schießen, maßen Citatus, in einer demselben (Ecke Rieken) zugehörigen Kammer wohne."

Auf die Vorhaltung, es sei aber Hasenschrot im Gewehr gewesen, antwortete der Angeklagte, "er wiße nicht den Unterschied zwischen "Hasenschrot un anderem Schrot."

Jan Frerichs erhielt Fürsprache von dem damaligen in Weene amtierenden Pastoren Kohlmeier und den Bürgern Siebend Ecken, Ecke Rieken, Gerd Janßen und Johan Claßen:

"Wir niedergeschriebene attestieren und bekennen hiermit glaubwürdig gestaldtem Vorzeiger dieses Schreibens, Johann Frerichs, einer Witwe Sohn aus Ostersander, der von seinen Eltern nichts geerbt, sondern mit seiner Handarbeit sein Brot verdienen muß sich jeder zeit christlich und ehrbar verhalten. so daß deshalb nicht die geringste Nachrede wider ihn vorhanden."

Jan Frerichs kam mit einer Geldstrafe von gut vier Reichstalern davon.

 

 

Enne Reitmeyer

 

Enne Reitmeyer war Besitzer der Mühle in Schirum (in der Nähe der Leerer Chaussee) gewesen. Diese Mühle hatte er im Jahre 1894 an Frerichs verkauft.

Nun stellte er den Antrag, auf einem gut 10 a großen Grundstück ein Haus bauen zu dürfen, um dort einen Handel mit Vieh und Getreide aufzumachen.

Wahrscheinlich lag dieses Grundstück an dem Wege nach Westersander, da wo der Weg nach Weene abgeht.

Dagegen erhob die Gemeinde Einspruch. Sie sagte, daß die Anlieger große Bedenken hätten, da sie um ihre guten Ackerkampen fürchteten. Sie befürchteten auch die Gefährdung ihrer Jagd, zumal das "Osterys-Holz" nur 200 Schritt entfernt läge. Dieser Reitmeyer sei wegen "Wildschießens und Wilddiebereien nach einer Untersuchungshaft von 5 Monaten mit 3 Monaten Gefängnis" bestraft. So sei zu befürchten, daß dieser das Geschäft fortsetzen würde.

Bei einer Ortsbesichtigung am 23. April 1894 spielten die selben Gründe eine entscheidende Rolle. In der endgültigen Stellungnahme des Landrats Iderhoff heißt es u. a.:

 

"Anweislich der Acten des Königlichen Landgerichts Aurich …… ist Reitmeyer durch Urteil der Strafkammer vom 27. August 1891 schuldig erkannt:

a) in den letzten 5 Jahren an Orten, an denen er nicht zu jagen berechtigt war, die Jagd ausgeübt zu haben und zwar gewerbsmäßig, während der gestzlichen      Schonzeiten und mit Schlingen,

b) vor etwa 2 Jahren, den ……… Peters in Schirum mit der Begehung des Totschlags bedroht zu haben. Strafe: 4 Monate und 2 Wochen Gefängnis

c) Reitmeyer war ein Freund des im Jahre 1891 wegen Totschlags gegen seinen  Vater und Brandstiftung vom hiesigen Schwurgerichts zu 12 Jahren Zuchthaus verurtheilten Zimmermanns H. G. Lienemann, Schirum. Reitmeyer war wegen Verleitung zu diesen Verbrechen in Untersuchung."

gez.

Iderhoff

Landrath

 

 Im ausführlich begründeten Ablehnungsbescheid heißt es u. a.:

" …….. weil Sie überhaupt in dem Rufe eines "gefährlichen Menschen stehen."

 

Man erzählte sich in Ostersander so manchen Streich dieses Enne Reitmeyer u. a.:

In der frühen Dunkelheit eines Winterabends kam Reitmeyer mit einem Kumpel zusammen an der Haneburg in Lübbertsfehn vorbei.
Als diese beiden an dem Küchenfenster lauschten, hören sie wie gerade der Haneburger sagt: "Bold mot Stut ut de Oven!"

Der Reitmeyer sagte sich: "Wenn de Stut för de in por Minuten gar is, denn is de för uns all good genug." Die beiden nahmen "dat ganze Backsel" mit.
Die Haneburger standen wenige Minuten danach vor ihrem leeren Backofen.

 

 

 

Die Bürgermeister von Ostersander

 

Die Amtsbezeichnung Bürgermeister ist im Verlauf der vergangenen 400 Jahre nicht üblich gewesen. Die älteste Bezeichnung für denjenigen Bürger, die die Interessen der Commune (=Gemeinde) vertrat, war, soweit die Urkunden dieses aussagen, Bevollmächtigter der Commune. Etwas später, im 18. Jahrhundert wurde dieser auch Bauernrichter genannt. Dann hieß er Ortsvorsteher, Gemeindevorsteher und schließlich Bürgermeister.

 

Um 1780 war Heye Gerdes Aden (aus der Familie Gerd Aden Fleßner) Bauernrichter oder Bevollmächtigter der Gemeinde Ostersander.

Um 1800 nahm Hinrich Janßen Uken (Trauernicht) dieses Amt wahr.

Von 1831 bis 1843 war Enne Ennen Fleßner (Vorfahre von Gerd A. Fleßner) Ortsvorsteher in Ostersander.

Habbe Ehmen Aden, (Martin Adens Vorfahre) der aus Holtrop kam und in den Hof Martens einheiratete, folgte als Ortsvorsteher und hatte dieses Amt inne von 1843 bis 1849.

Jürgen Frieden aus dem Hause Antons war Ortsvorsteher von 1849 bis 1859. Hier wurde auch zum ersten Male der Beigeordnete erwähnt: Garrelt Alberts Trauernicht.

Von 1860 bis 1868 war Enne Ennen Fleßner - wieder aus dem o. g. Hause - Ortsvorsteher. Sein Beigeordneter war ab 1866 Menne Martens Hagen.

Garrelt Alberts Trauernicht folgte im Amt von 1869 bis 1876.

Marten Martens Hagen war Ortsvorsteher von 1876 bis 1885. Der Beigeordnete hieß Folkert Lübben Saathoff.

Im Jahre 1885 wurde Andreas Andreßen Frühling Ortsvorsteher von Ostersander. Beigeordneter: Mimke Jürgens Antons.

Mimke Jürgens Antons folgte als Ortsvorsteher nach dem Tode des Andreas Andreßen Frühling im Jahre 1891. Der Beigeordnete Folkert L. Saathoff starb 1893. Dessen Nachfolger wurde Albert Garrelt Trauernicht und ab 1895 Gerd Aden Fleßner.

 

Im Jahre 1909 wurde Albert Garrelts Trauernicht Bürgermeister. Gerd Aden Fleßner blieb Beigeordneter.

Andreas Andreßen Frühling wurde 1919 Gemeindevorsteher und nahm dieses Amt bis zum Jahre 1935 wahr. Die Beigeordneten in dieser Zeit waren Rieke Harms und dann Gerd Aden Fleßner.

 

Von 1936 bis 1945 war Gerd Kruse Bürgermeister der Gemeinde Ostersander.

Nach dem 2. Weltkrieg übernahm Cornelius Heeren das Bürgermeisteramt und verwaltete es bis zum Jahre 1956.

1956 kehrte der frühere Bürgermeister, Gerd Kruse, in das Bürgermeisteramt zurück und nahm es wahr bis zum Jahre  1966.

Der letzte Bürgermeister von Ostersander war bis 1972 Jann Röbkes.

 

Dann hörte Ostersander infolge der Verwaltungsreform auf, eine selbständige Gemeinde zu sein. Ostersander wurde ein Ortsteil der neuen Großgemeinde Ihlow. Zwar blieben den Ortsteilen noch die Ortsbürgermeister, doch diese spielten im Rahmen der größeren Gemeinde eine nicht allzu bedeutende Rolle. Aus der langen Geschichte des Bürgermeisteramtes sei abschließend von einigen Ereignissen und Daten berichtet, die dazu angetan sein könnten, Zeitumstände und Hintergründe zu beleuchten.

 

 

Was verdiente der erste Mann der Gemeinde?

 

Die erste Nachricht darüber stammt aus dem Jahre 1899. Der damalige Ortsvorsteher erhielt 30 Mark Jahresvergütung. 1909 stieg diese Entschädigung auf 120 Mark, 1914 auf 150 und 1916 auf 175 Mark.

In der Zeit der Inflation änderte sich das Gehalt naturgegeben sehr rasch:

1920: 1.000,- Mark

1922: 2.400,- Mark.

 

Im Jahre 1923, als die Inflation unvorstellbare Ausmaße annahm, beschloß der Gemeindeausschuß , dem Gemeindevorsteher eine Gehaltsentschädigung "von 1 Zentner Roggen in Geldwert pro Monat nach dem Emder Börsenbericht zu bewilligen. Außerdem sämtliche Ausgaben an Papier und Porto u.s.w. muß die Gemeinde zahlen."

 

Im Jahre 1925 betrug die Entschädigung 300,- Reichsmark.

 

 

Zum Wahlverfahren:

 

Ursprünglich wurde der Bauernrichter bzw. Ortsvorsteher nur von den Herdbesitzern gewählt, nicht also von allen Bürgern der Gemeinde. Das beweist u.a. eine Urkunde aus dem Jahre 1843:

 

"An ……….

Zu Folge eine Bekanntmachung des Königlichen Wahlamtes vom 22. März diesen Jahres habe ich mit unterzeichnetem Ortsvorsteher die stimmberechtigten Gemeindemitglieder versammeln laßen um einer Wahl zum Neuen Ortsvorsteher zu wählen.

So haben wir unterzeichneten Intereßenten den Habbe Ehmen Aden einstimmig zum Ortsvorsteher gewählt, und bitten daher gehorsamst das Königliche Wahlamt um demselben in seiner Eigenschaften einzuführen und Pflichtbar zu machen.

Ostersander, den 6ten April 1843

 

Enne Ennen Fleßner

Jürgen Frieden

Marten Ecken Fleßner

Brunke Klaaßen

Behrend Gerdes Gronewold

Jacob Frieden

Behrend Andreßen

Harm Mimken Gronewold

Albert G. Trauernicht"

 

Nicht immer verlief die Wahl zum Ortsvorsteher so harmonisch wie in diesem Fall. Als Ortsvorsteher Marten Martens Hagen im Jahre 1885 von seinem Amt zurücktrat und bei der dann folgenden Wahl überraschend Andreas A. Frühling mit 7 ½ von 9 Stimmen gewählt wurde, erhoben zwei Stimmberechtigte Einspruch beim Kreishauptmann (heute: Landrat).
Sie behaupteten, bei dieser Wahl seien drei ungültige Stimmen abgegeben worden. Außerdem hätte der Gewählte die Wahl abgelehnt
"und zwar aus dessen Grunde, da er das Amt als Ortsvorsteher nicht vertreten könnte, weil er keine Schulkenntnisse dazu besitze."

Vom Kreishauptmann wurden dann Nachforschungen angestellt. Der bisherige Ortsvorsteher Hagen schrieb auf Anfrage an den Kreishauptmann:

 

"1. Auf den Bericht vom 21. Januar dieses Jahres erwidere ich Ihnen, das die Stimmen am 17. Januar dieses Jahres in der Wahl eines Ortsvorstehers geltend gewesen sind.

2. Die Stimmen sind vor Aufnahme des Protokolls abgegeben.

3. Ich glaube, daß der gewählte Andreas A. Frühling die Kenntnisse zum Ortsvorsteher wohl besitze."

 

Der vom Kreishauptmann beauftragte A. S. v. Emden meldete in seinem Bericht, daß der Landwirt Andreas Frühling unbescholten sei, das Amt zu führen.

Damit war dieser Fall erledigt.

Daß die Gemeinde mit diesem neuen Ortsvorsteher zufrieden gewesen ist, mag aus der Tatsache deutlich werden, dáß er nach 6 Jahren Amtsführung für weitere 6 Jahre einstimmig wiedergewählt wurde.

 

Bis zum Jahre 1894 wurde der Ortsvorsteher durch die Herdbesitzer (11 volle Herde (Höfe) = 11 Stimmen) gewählt. Alle wichtigen Entscheidungen wurden von diesen Herdbesitzern getroffen. Im Jahre 1894 trat dann in dieser Angelegenheit eine wichtige Veränderung ein. Jetzt wurden alle Bürger der Gemeinde an den Gemeindeangelegenheiten betreffenden Beschlüsse beteiligt, allerdings nur, soweit diese Steuerzahler waren. Die Höhe der Steuerbeträge entschied über die Stimmanteile. Wer viel Steuern zahlte, hatte auch viele Stimmen. Diese Regelung kam sicherlich auf Grund des damals in Preußen bestehenden Verhältniswahlrecht zustande. In einer Stimmliste wurden die steuerzahlenden Bürger erfaßt und ihre Stimmanteile festgelegt. Diese Liste mußte immer wie der korrigiert werden, wenn sich die steuerlichen oder personellen Voraussetzungen änderten.

Das diesbezügliche Protokoll der Gemeindeversammlung sei hier im Wortlaut wiedergegeben:

 

"Geschehen in der Gemeindeversammlung zu Ostersander am 19. Februar 1894.

 

Protokoll der Gemeinde-

versammlung zu Ostersander,

betreffend den Beschluß

wegen einer neuen Stimmordnung

in der Gemeinde Ostersander

Die stimmberechtigten Gemeindemitglieder waren, wie der unterzeichnete Gemeindevorsteher ausdrücklich bezeugt, zeitig und ortsüblich unter allgemeiner Angabe des Zwecks auf heute zu einer Gemeindeversammlung zusammen berufen. Von den 16 stimmführenden Gemeindemitgliedern mit 11 Stimmen waren 10 Personen mit sieben Stimmen erschienen, als

                1.      Jann Reiners Schön

                2.     Jann B. Saathoff

                3.     Jacob J. Frühling

                4.     Mimke J. Antons

                5.     Für Hagen Wtw. dessen Sohn

                6.     Für Frühling Wtw. dessen Sohn

                7.      Mimke J. E. Saathoff

                8.     Gerd Aden Fleßner

                9.     Habbe Habben Aden

                10.    Gerd V. Gerdes

 

Von den Anwesenden wurde einstimmig folgendes beschlossen. Um das Stimmrecht mit der Beitragspflicht in richtigen  Verhältnis zu bringen, erhält, wer an Grund-, Gebäude-, Gewerbe- und Einkommensteuer

 

        bis encl.             5 Mark bezahl                   -       1/2    Stimme

        mehr als 5 Mark bis encl. 10 Mark               -       1      Stimmen

         "     "  10   "      "     "     20    "                   -       2     Stimmen

         "     "  20   "      "     "     30    "                   -       3     Stimmen

         "     "  30   "      "     "     40    "                  -       4     Stimmen

        und so fortlaufend bis encl.  80 Mark           -       8     Stimmen

        mehr als 80 Mark bis encl. 100 Mark           -       9     Stimmen

         "    "  100  "       "     "     120   "                  -       10     Stimmen

         "    "  120  "       "     "     140   "                  -       11      Stimmen

        und so fortlaufend

 

Vorgelesen, genehmigt.

Der Gemeindevorsteher M. J. Antons "     

 

Um die Auswirkungen dieses Beschlusses zu verdeutlichen, sei hier ein Auszug aus dem Protokoll der Gemeindeversammlung vom 19. März 1894 wiedergegeben.

Es ging in dieser Versammlung um die Verwendung des Jagdgeldes. In diesem Protokoll heißt es u. a.:

 

" …..  von den 64 Personen mit 134 ½ Stimmen waren 16 Personen mit 69 ½ Stimmen erschienen.

                Als

  1. Jann Reiners Schön                   -             3 Stimmen

  2. Jann B. Saathoff             -             4 Stimmen

  3. Jacob J. Frühling              -         6 Stimmen

  4. Albert G.Trauernicht         -         9 Stimmen

  5. Mimke J. Antons                -       10 Stimmen

  6. Heye J. Gronewold            -         4 Stimmen

  7. Johann Frieden                   -       ½ Stimmen

  8. Wilm Aden Fleßner                    -             5 Stimmen

  9. Gerd Aden Fleßner                     -             6 Stimmen

10. Habbe Habben Aden            -         7 Stimmen

11. Jann A. Buhr                      -         ½ Stimmen

12. Gerjet J. Frühling              -         1 Stimmen

13. Albert C. Schröder             -         1 Stimmen

14. Mimke J. E. Saathoff         -         9 Stimmen

15. Andreas A. Frühling Wtw.  -        3 Stimmen

      vertreten durch ihren Sohn

16. Gerd L. H. Gronewold    -             ½ Stimmen

                                Summa          69 ½ Stimmen"

 Anmerkung: Es fällt in diesem Protokoll auf, wie wenig "kleine Leute" zu dieser Versammlung erschienen waren. Lag der Grund vielleicht in der Erkenntnis, daß ihre Stimmen doch kaum Gewicht hatten gegenüber den Stimmen der Begüterten? Oder lag es doch nur an der Tagesordnung?

 

Im Jahre 1897 wurde die Modalität der Stimmenzuteilung in gewisser Weise zugunsten der kleinen Steuerzahler geändert.
Folgende Regelung galt dann von diesem Zeitpunkt an:

 

"Steuerzahler bis                                     5 Mark       - 1 Stimme

            "          von        5 Mark  bis     15 Mark         - 2 Stimmen

            "            "        15 Mark    "        30 Mark       - 3 Stimmen

            "            "        30 Mark    "        45 Mark       - 4 Stimmen

            "            "        45 Mark    "        60 Mark       - 5 Stimmen

            "            "        60 Mark    "      75 Mark         - 6 Stimmen

            "            "        75 Mark    "        90 Mark       - 7 Stimmen

und so weiter …. "

 

Eine interessante Bemerkung zum Ort der Gemeindeversammlungen sei hier noch angefügt. Anscheinend fanden die öffentlichen Versammlungen nicht in einer Gastwirtschaft sondern in einem Bürgerhause statt. Der betreffende Hausbesitzer bekam dafür eine geringe Entschädigung, die in einer Gemeindeversammlung dem Mindesforderndem zugesprochen wurde.

Aus den Protokollen geht hervor, daß in den Jahren 1895 und 1896 die Versammlungen im Hause des Gerd Aden Fleßner stattfanden. Die Entschädigung betrug 70 Pfennig pro Versammlung. Von 1896 bis 1897 ließ die Witwe des Andreas Frühling für 45 Pfennig die Versammlung in ihrem Hause stattfinden. In den Jahren 1897 bis 1899 erhielt sie jeweils 70 Pfennig für eine Versammlung.

Später fanden die Versammlungen in der Gastwirtschaft Altona statt.

Im Jahre 1912 wird dieser Tagungsort in einem Protokoll erstmals erwähnt.

 

Mit dem Beginn der Weimarer Republik wurde auch die Wahl des Bürgermeisters nach dem demokratischen Grundsätzen und Regeln vollzogen. Die Herdbesitzer verloren ihre Wahlrechte. Die ganze Gemeinde wählte den Gemeindeausschuß (heute: Gemeinderat) und dieser wählte dann aus seinen Reihen den Bürgermeister.

Dem im Jahre 1924 gewählten Ausschuß gehörten folgende Bürger an:

 

1. Landgebräucher     Gerd E. Kruse

2. Landwirt                Gerd A. Fleßner

3. Landwirt                Enne G. Frühling

4. Landwirt                Weert Ulferts

5. Landwirt                Marten Hagen

6. Arbeiter                  Enno Bergmann

7. Stuhlmacher           Hinrich Kuhlmann

8. Landwirt                Gerd L. Frühling

9. Landgebräucher     Dirk Saathoff

Als Bürgermeister wurde Andreas Frühling wiedergewählt (einstimmig). Ebenfalls einstimmig wurde Gerd A. Fleßner als Beigeordneter bestätigt.

 

An dieser Stelle sei eingefügt, daß seit Einführung des preußischen Standesamtes in Jahre 1874 der Bürgermeister der Gemeinde Ostersander zugleich das Amt des Standesbeamten für die ganze Kirchengemeinde Weene verwaltet. Erst in jüngster Zeit lagen diese Ämter in verschiedenen Händen. So blieb z. B. Andreas Frühling Standesbeamter, als er 1935 das Bürgermeisteramt abgab. Auch nach dem 2. Weltkrieg waren beide Ämter von einander getrennt, wenn auch der Sitz in Ostersander beibehalten wurde. Mit der Verwaltungsreform ging auch das Standesamt Ostersander in die Verwaltung der Gemeinde Ihlow ein.

 

Im Jahre 1930 löste sich die seit Jahrhunderten bestehende Realgemeinde auf.

Diese eigenartige Selbstverwaltungseinrichtung hatte durch alle Wirren der Zeit ihre Rechte und Pflichten wahrgenommen und bewahrt. Sie hatte entscheidenden Anteil an der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Gemeinde und das Dorf Ostersander und seine Bevölkerung in den Strukturen geformt.

 

Mit der demokratischen Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg hatte aber diese Realgemeinde ihre Berechtigung und ihren Sinn verloren. Das Nebeneinander von Realgemeinde und politischer Gemeinde war nicht mehr vertretbar, die Auflösung der Realgemeinde unausweichlich geworden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bevölkerungsentwicklung in Ostersander

 

Fläche: 515 ha

 

 

 


1821

177

Bemerkung

1848

252

 

1871

329

 

1885

287

 

1905

313

 

1925

327

 

1933

389

 

1939

404

 

1946

503

 

1950

496

 

1956

451

 

1961

468

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 2009

783 

 

 

Anmerkung:

1. Der Rückgang der Bevölkerung von 1871 bis 1885 könnte auf starke Auswanderung (Amerika) und auf Volksseuchen (Scharlach) zurückzuführen sein.

 

2. Der Anstieg 1939 bis 1946 ist mit dem Zustrom der Flüchtlinge aus dem Osten Deutschlands zu begründen.