Kirchspiel Weene

  

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Als älteste Ortschaft kann Schirum angenommen werden. Später gründeten vermutlich Einwohner aus Schirum die Orte Ostersander und Westersander in einiger Entfernung von der ehemals stark versumpften und überschwemmungsgefährdeten Talniederung des Krummen Tiefs auf flachen Sandrücken. In dem Grundwort -sander kommt die Lage auf relativ trocknen Sandböden inmitten eines Feuchtlandgebietes zum Ausdruck. Es wird vermutet, dass die drei Dörfer Schirum, Ostersander und Westersander bereits vor der Zeit um 1000 existiert haben. Die engen familiären Beziehungen und ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl werden dazu geführt haben, dass diese drei Dörfer ein gemeinsames Kirchspiel gründeten. Die gemeinsame Kirche entstand in etwa mittig der drei Orte auf einer Warf. Im Laufe der Jahrhunderte kamen weitere Gebäude hinzu und füllten die unbebauten Plätze des neu entstandenen Kirchspiels Weene. 

Es gibt keine Anhaltspunkte, wann diese Gründung erfolgte. Sie könnte aber bereits im 9. Jahrhundert stattgefunden haben. Im Jahre 1420 wird die Kirchengemeinde Weene erstmals urkundlich erwähnt. 

Eingepfarrte Orte: HüllenerfehnLübbertsfehnSchirum, Ostersander, Ihlowerfehn, Westersander.
Man findet aber auch Einträge aus Ludwigsdorf
.

Die Kirche liegt an der Straße zwischen den Orten Schirum und Westgroßefehn (Neermoor). Anlässlich von Reparaturarbeiten am Kirchengebäude im Jahre 1616 ließ Pastor Arnold Wesseling den steinernen Altartisch öffnen und fand dabei einige Schriftstücke. Die lateinischen Schriften erzählen, dass "diese Kirche am Jahre 1499 durch den ehrwürdigen Herrn Albert von der Schola Dei [d.h. Kloster Ihlow] sowie durch den ehrwürdigen Wilhelm, Priester und Mönch des Klosters [zu Ihlow] geweiht worden war. 

Sowohl die Kirchengemeinde Weene als auch der Kirchenbau sind bedeutend älter. Es ist recht wahrscheinlich, dass an der Stelle der heutigen Kirche zunächst ein kleinerer Vorgängerbau aus Holz gestanden hat. Der erste Bau der Kirche aus Backsteinen wird in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts vermutet. Allerdings sind nach zahlreichen Um- und Anbauten von der ursprünglichen Bausubstanz nur noch Teile der Südwand und des westlichen Abschnittes der Nordwand erhalten geblieben. Beispielsweise wurde unmittelbar vor 1499 ein polygonaler (vieleckiger) Chorraum angebaut, dessen Weihe im Jahre 1499 auf dem im Alter gefundenen Schriftstück dokumentiert wurde.

Im Mittelalter hatte die Kirche auch einen Chorraum im Westen, war also zweichörig. Der Chor im Osten war nach Angaben aus dem Jahre 1765 viel niedriger als das Kirchenschiff. 1890 wurde dieser Anbau durch eine halbrunde Apsis ersetzt.

Neben den Teilen der Kirchenmauer, die noch in ihrer ursprünglichen Bausubstanz aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts erhalten sind, ist auch der freistehende Glockenturm noch ein Zeugnis aus der Zeit des Mittelalters.

Das Mauerwerk des Turmes, zahlreiche Eisenklammern und einige verewigte Jahreszahlen zeugen von immer wieder erforderlich gewordenen Ausbesserungen.

Im Kircheninnern befinden sich noch einige kirchliche Ausstattungsstücke aus der katholischen Zeit vor der Reformation. Im Jahre 1897 wurden sie auf dem Dachboden des Pfarrhauses gefunden und wieder in den Kirchenraum gebracht. Man kann heute froh sein, dass diese Gegenstände nicht wie viele andere zur Zeit der Reformation zerstört wurden. Es handelt sich dabei um drei geschnitzte Holzplastiken gotischen Stils:

 

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ein Kruzifix, geschätzte Entstehungszeit um 1390 und  westfälischer Herkunft.

 

 

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ein Vesperbild- es zeigt die thronende Gottesmutter mit ihrem toten leichenstarren Sohn auf dem Schoß. Entstehungszeit vermutlich das Ende des 14. Jahrhunderts. Nach Vergleichen mit ähnlichen Werken wahrscheinlich ebenfalls aus Westfalen

 

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und eine Anna Selbdritt aus der Zeit um 1500

 

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Orgel und Kanzel aus der Kirche Weene

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Tafeln im Kircheninneren erinnern an die Pastoren von Weene:

    Im Laufe der Zeit standen viele Pastoren in Weene.
    Der einzige uns noch bekannte, aus der
          
vorreformatorischen Zeit
   
ist
   
heer Alberti, keerckherr to Weene“,
    dessen Siegel unter einer Urkunde vom 03.04.1438 steht.

Priester Albert

genannt 1438 und 1441

 

Priester Wilhelm

genannt 1499

 

Henricus
Cruse

genannt 1543

1545 - 1564

Siebrand
Stelling

 

1564 - 1590

Johann
Drentwede

 

1590 - 1597

Jacob
Drentwede

kam von Aurich-Oldendorf und ging nach Aurich

1598 - 1611

Arnold
Wesseling

   kam von Riepe

1611 – 1625

Johann
Ruvius

früher Prediger in Breinermoor; 

1625 – 1634
1634

Gerhard
Flesner

kam von Marx nach Weene, in seiner Amtszeit wurde die große Glocke gegossen.                          

1634 – 1671
1671

Christoph Friedrich
Flesner

Sohn des Gerhard Flesner, in seiner Amtszeit wurde die Orgel angeschafft. 

1671 – 1698
1698

Engelbert
Conerus

Sohn eines Predigers aus Buttforde, war nach dem Besuch verschiedener Universitäten als Hofmeister eines schwedischen Grafen nach Stockholm gegangen, durchwanderte mit diesem
Grafen einige Länder und kam Ostern 1699 nach Weene.

1699 - 1726

Gerhard Friedrich
Cohlmeyer

studierte in Halle a.d. Saale, war Rektor in Wittmund. Er veranlaßte den Bau der Schulhäuser (Nebenschulen zu Weene) in Lübbertsfehn und Hüllenerfehn.

1726 - 1762

Engelbertus
Conerus

Sohn eines Predigers aus Filsum,
Enkel von Engelbert Conerus

1762 - 1779

Peter Friedrich
Reershemius

Herausgeber des
„Ostfriesischen Predigerdenkmals“

1779 - 1805

Meeno
Hinrichs

kam als Prediger von Uplengen

1805 – 1814

Hinrich Frerichs
Backer

kam als Pastor aus Ochtelbur

1815 – 1837

?

 

1837 - 1839

Johann Hinrich
Schmertmann

war vorher Pastor in Ochtelbur;
Zweiter Neubau des Pfarrhauses

1839 – 1849

Hinricus Jacobus
Fischer

war vorher Pastor in Arle

1849 – 1886

Heinrich Theodor Friedrich Linnemann

war vorher Pastor in Berdum, 1890 wurde der Nordflügel der Kirche eingebaut, 1891 bekam die Kirche einen neuen Altar (Rixte Ennen Saathoff aus Schirum war die Stifterin).

1887 – 1896

Christoph Bernhard
Schomerus

wurde später Missionsprediger in Celle und Missionsinspektor in
Hermannsburg, während seiner Amtszeit wurde der Posaunenchor gegründet.

1897 – 1912

Hermann Johann Julius
Taaks

Sohn eines Pastoren, in seiner Amtszeit wurde 1915 das Werk der Orgel erneuert, 1921 Auf-stellen einer Ehrentafel für die Gefallenen und Vermißten des 1. Weltkrieges, Anlegen des neuen Friedhofes 1922

1912 - 1927

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1927 - 1929

Friedrich Heinrich Karl
Ohlmer

war vorher Pastor in Völlener-königsfehn, er gründete 1929 den Kirchenchor. 1942 mußten 2 Glocken für Kriegszwecke abgegeben werden; 1951 bekam die Gemeinde eine Patenglocke, die in Breslau gegossen wurde und vom Turm in Kreuzberg stammt.

1929 – 1954

Luitjen
Janssen

Er veranlaßte die Restaurierung des Inneren der Kirche, den Bau eines neuen Pfarrhauses und eines neuen Gemeindehauses;
1976 erhielt die Gemeinde zwei neue in Heidelberg gegossene Glocken.

1954 – 1977

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1977 – 1980

Helmut
Schrader

 

1980 – 1981

Wolfgang
Hubbe

war vorher 10 Jahre Pastor in Arle

1981 – 1995

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1995 – 1997

Kurt
Booms

 

seit 1997

 

 

Tafeln im Kircheninneren erinnern an die Pastoren von Weene:

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Hier ein Foto mit einem Ausschnitt, auf dem die Pastoren Flesner stehen. Sie waren Mitglieder einer weitverzweigten Familie, deren letzter ermittelbare Vorfahre aus Lübbecke stammte. Die Familie ist am häufigsten vertreten in Weene, aber auch im ganzen ostfriesischen Raum anzutreffen. Viele Familienzweige leben heute in den USA.

Zum Altargerät gehören
ein Kelch, 1645 gestiftet von Hajo Lübben und
eine Dose von 1818, mit den eingravierten Namen von Pastor H.F. Bakker und dem Kirchenvorsteher G. J. Flessner.
Verschwunden ist heute leider eine Oblatenschachtel mit der Aufschrift Johannis Gerhard Flesner Anno 1669.

1666 starben in Weene viele Einwohner an der Pest. Wie viele kann nicht gesagt werden, weil zu der Zeit noch keine Kirchenbücher geführt wurden.

Zwischen 1867 und 1885 nahm die Einwohnerzahl trotz großer Geburtsrate beträchtlich ab, da viele Tausend Weener Bürger in die USA auswanderten. Begonnen hatte die Auswanderungswelle bereits nach einer schlechten Ernte 1846/47.
Bei einer Scharlachepidemie 1871-1885 kamen außerdem viele Bürger ums Leben.


Rechtliche Strukturen und Einkünfte des Pastors und des Küsters

 

Die Kirchengemeinde Weene wurde von den drei Dörfern Schirum, Ostersander und Westersander gegründet. Die Besitzer der vollen und der halben Herde oder Plätze dieser Bauernschaften waren die alleinigen Stimmberechtigten in der Gemeinde. Sie wählen seit der Reformation, d.h. genauer nach der Auflösung des Klosters Ihlow, ihren Pastor und ebenso den Küster bzw. Schulmeister. Wenn eine der beiden Stellen neu zu besetzen war, dann bestimmten die Stimmberechtigten aus den eingegangenen Bewerbungen in der Regel drei Kandidaten (manchmal auch mehr), die sich der Gemeinde mit umfangreichen Proben ihres Könnens in den jeweiligen Aufgabenbereichen vorstellen mussten und dann zur Wahl standen. Die freie Pfarrwahl – das so genannte Interessentenwahlrecht, das 1599 durch landesherrliche Zusicherungen garantiert wurde – war ein Kernstück der Selbstständigkeit fast aller ostfriesischen Kirchengemeinden. Auf der anderen Seite trugen die Interessenten aber auch zur Besoldung des Geistlichen und des Küsters sowie zur Ausstattung und Erhaltung der Bauten ihrer Gemeinde.

Bei wachsender Bevölkerungszahl siedelten sich in den Dörfern zunehmend so genannte Warfsleute an, die am dörflichen Gemeindebesitz prinzipiell keinen Anteil hatten und nur geringe Nutzungsrechte zugesprochen bekamen. Entsprechend waren sie zunächst auch nicht an den regulären Rechten und Pflichten bezüglich der kirchlichen Gemeinde beteiligt. Die Kolonisten der im 17. Jahrhundert gegründeten Fehne Lübbertsfehn (1637) und Hüllenerfehn (1639), die auf Morastflächen der Ostersander bzw. Westersander Mark entstanden und daher nach Weene eingepfarrt wurden, befanden sich im Hinblick auf die Kirche zu Weene in der gleichen rechtlichen Situation. Die unterschiedliche Rechtslage zeigte sich z.B., wie bereits erwähnt, bei der Finanzierung der neuen Kirchenglocke im Jahre 1669. Im Sprachgebrauch wurde unterschieden zwischen der „Alten Gemeinde“, die die Dörfer Schirum, Ostersander und Westersander umfasste, und der „Neuen Gemeinde“, mit der die Fehn- oder Kolonistensiedlungen Lübbertsfehn, Hüllenerfehn und später auch Ihlowerhörn und Ludwigsdorf gemeint waren.

Das Einkommen des Pastors umfasste einerseits die Einkünfte aus den zur Pastorei gehörenden Ländereien, die der Prediger verpachten oder für eine eigene Landwirtschaft selbst nutzen konnte und andererseits verschiedene, im Einzelnen festgelegte Geld-, Natural- oder Arbeitsleistungen der Gemeindeglieder je nach ihrer rechtlichen Position.

Ursprünglich hatten die Besitzer eines vollen Herdes, d.h. die Interessenten mit einer ganzen Stimme bei den Wahlen, dem Pastor jährlich einen Vierdup Roggen (=2 Scheffel) und fünf Pfund Butter zu liefern; Inhaber eines halben Herdes zahlten die Hälfte, verfügten aber auch nur über eine halbe Stimme. Durch Verkauf und Vererbung, Teilung und Zusammenlegung von Herden – teils auch in Verbindung mit Warfstellen – ist es allerdings im Laufe der Zeit zu Veränderungen in den Zahlungsverpflichtungen gekommen.

Bis zum Jahre 1641 haben die Warfsleute und Tagelöhner im Kirchspiel Weene dem Pastor keinerlei Abgaben leisten müssen, obwohl sie am kirchlichen Leben teilnahmen und von seinen Diensten profitierten. Am 12. Dezember 1641 wurde nach gütlichem Einvernehmen mit den Weener Gemeindegliedern beim Generalsuperintendenten in Aurich festgeschrieben, dass „alle undt Jede Warffe undt Warffstetten, davon Leute zu Kirchen gehen“ dem Pastor jährlich ein Bund Flachs geben sollten; Tagelöhner, „so mit anderen eingeheuret, sollen dem Pastoren einen Tag in der Meede oder auf dem Acker zu meyen helffen, undt soll ihnen der Pastor Essen undt trinken geben bey der Arbeit.“

Anlässlich der Kirchenvisitation vom 2. August 1672 listete Pastor Christoph Friedrich Flesner die Einkünfte der Pastorei zu Weene genau auf und zwar wie folgt:

Aus Ostersander, das 9 ½ Herde hatte (ohne den Herd des Pastors und den halben Herd des Küsters gerechnet), erhielt der Pastor jährlich
von 8 vollen Herden und 2 halben Herden je ein Vierdup Roggen und fünf Pfund Butter, von einem halben Herd ein Bund Flachs.

 

Aus Westersander, das 11 ½ Herde hatte, erhielt der Pastor jährlich von 9 vollen Herden je ein Vierdup Roggen und fünf Pfund Butter,
von einem halben Herd einen Scheffel Roggen, zweieinhalb Pfund Butter und ein Bund Flachs, von einem halben Herd zweieinhalb Pfund Butter, von 3 halben Herden je zwei Bund Flachs.

 

Aus Schirum, das 19 Herde hatte, erhielt der Pastor jährlich von 11 vollen Herden je ein Vierdup Roggen und fünf Pfund Butter,
von 3 halben Herden je ein Scheffel Roggen und zweieinhalb Pfund Butter, von einem halben Herd einen Scheffel Roggen,
von 3 vollen Herden je zwei Bund Flachs, von 6 halben Herden je ein Bund Flachs.

Das ergab für den Pastor zu Weene eine Jahreslieferung von 8 Tonnen und einem Scheffel Roggen und von 162 ½ Pfund Butter aus den drei Dörfern. Eine Tonne (=200 l) entsprach etwa 300 Pfund Roggen; ein Vierdup (=50 l) war ein Viertel einer Tonne, ein Scheffel (= 25 l) wiederum die Hälfte von einem Vierdup. Außerdem erhielt der Pastor insgesamt 20 Bund Flachs. Ein Bund Flachs wog 2 ½ bis 3 ½ Pfund.

Die Warfsleute aus Schirum, Ostersander und Westersander waren nach den Angaben Christoph Friedrich Flesners von 1672 verpflichtet, dem Weener Pastor je einen Tag im Jahr bei der Arbeit zu helfen. Das Konsistorium in Aurich war mit dieser Umwandlung der 1641 festgelegten Naturalabgabe in eine Arbeitsleistung seitens der Warfsleute nicht einverstanden und ordnete am 15. Juni 1729 an, bei der Lieferung eines Bundes Flachs zu bleiben. Trotzdem vereinbarte auch der derzeitige Pastor zu Weene, Gerhard Friedrich Cohlmeyer, in demselben Jahr mit seiner Gemeinde, allerdings nur für sich und ausdrücklich nicht für seine Nachfolger,
daß jeder Warffsman, der kein interessent dieser gemeinde ist, er besitze einen eigenen Warff oder brauche ihn heuerlich, und ein jeder Taglöhner, er wohne bey einem Hauß- oder Warffsman im Hauße, /denn keiner den andern frey halten kann, sondern eine jede Familie für sich selbst einstehet und nicht für einen andern/ einen Tag im Jahr für mich arbeiten muß, es sey in meinem Garten oder im Torff-Morast oder in der Mede oder sonst, wenmehr und wo ich’s begehre. Wer den tag nicht arbeitet, da er bestellt, muß sein bund Flachß erlegen. Diejenigen aber, so zur Arbeit nicht bestellt werden, geben den Taglohn an Geld, gemeiniglich 3 Schaf. Frauen arbeiten einen und einen halben Tag.“

Angefügt wurde ein namentliches Verzeichnis der Warfsleute und Tagelöhner von 1729, die dem Weener Prediger gegenüber zu der genannten Leistung verpflichtet waren. Es waren 35 Personen aus Schirum (mit Hesenbrook), 2 aus dem Orte Weene, 6 aus Ostersander und 10 aus Westersander, also insgesamt 53 Warfsleute und Tagelöhner.

Jeder Eingesessene auf dem Lübbertsfehn hatte laut der Aufstellung von 1672 dem Pastor zu Weene jährlich zu Michaelis (29. September) die Summe von 7 Schaf zu zahlen. Im Vergleich zu diesem Fehn muss „auf den Hüllen“ die Armut zu dieser Zeit noch recht groß gewesen sein. Von den dortigen Einwohnern gab „Jeder der deß Vermögens ist“  jährlich 6 Schaf an den Prediger, wobei Christoph Friedrich Flesner vermerkte, dass einige Arme nicht zahlten. Der Unterschied zwischen den beiden Orten ist später aufgehoben worden. Pastor Cohlmeyer notierte 1729, dass jede Haushaltung auf dem Lübbertsfehn und auf dem Hüllenerfehn jährlich 7 Schaf an den Prediger zu Weene zu entrichten habe.

Nach der Säkularisation des Klosters Ihlow 1529 wurde das Gut Ihlow nach Weene eingepfarrt und damit war der ostfriesische Graf oder später Fürst Interessent der Kirchengemeinde Weene, ohne dass allerdings im Regelfall vom Stimmrecht Gebrauch gemacht wurde. Das Jagdhaus und die dazugehörigen Gebäude wie das Schatthaus wurden in den späteren Jahrhunderten in Erbpacht vergeben. Die an den Prediger zu Weene als zuständigem Pfarrherrn von den Pächtern zu entrichteten Leistungen scheinen unklar geregelt bzw. strittig gewesen zu sein. Anlässlich der Visitation von 1672 hieß es zur Schuldigkeit der Domäne Ihlow:
Da pfleget der Prediger ein par Schweine in der mastung zu haben, wie wohl alle Jahre nicht angeht.“
Pastor Cohlmeyer notierte 1729:
Von dem Kloster Ihlau hat man uns leider die schuldige Gerechtigkeit einer halben Tonne Rocken auch abgeschnitten und sollen die Kloster-Leute frey seyn, ob sie gleich an unsern Kirchengütern gleich andern Theil nehmen.“

Der Küster und Schulmeister zu Weene fertigte im Jahre 1682 eine Aufstellung seiner Einkünfte an. Danach erhielt er jährlich zu Michaelis aus Schirum 21 ½, aus Ostersander 10 ½ und aus Westersander 14 schwere Bund Flachs. Diese Abgaben waren von den Herdbesitzern der drei Dörfer zu leisten, wobei halbe Herde teilweise voll pflichtig waren. Von jedem Herd erhielt der Küster zusätzlich „drei boten hart flaß“, wofür er Tauwerk und Schmieröl für die Glocken beschaffen musste (20 Flachsboten = ein Bund). Von den Einwohnern in Lübbertsfehn und Hüllenerfehn bekam der Küster jeweils 3 Schaf.

Die Pastorei galt als ein Herd der Gemeinde Ostersander und daher hatte der Prediger zu Weene das volle Recht, auf der Brookweide zu Ostersander seine Pferde und sein Vieh zu weiden; sein Jungvieh wurde allerdings von der Schirumer Kommune geweidet. Der Küster hatte das Weiderecht auf der Brookweide nur gemäß einem halben Herd.

Zusätzlich zu diesen Angaben erhielt der Pastor so genannte Stolgebühren, d.h. Gebühren für seine Amtshandlungen (wie Taufe, Trauung, Beerdigung, Austeilung des Abendmahls usw.), die je nach der rechtlichen Position des Gemeindemitglieds genau festgelegt waren. In einigen Fällen mussten auch Beträge an den Küster, Schullehrer und Organisten gezahlt werden.

Die in den Verzeichnissen von 1672 bzw. 1682 genannten Abgabenleistungen blieben in den folgenden Jahrhunderten im Wesentlichen gleich. Im Jahre 1774 wurden durch einen Vergleich des Pastors mit der Gemeinde allerdings die Arbeitsleistungen endgültig abgeschafft; jeder Warfsmann, Einlieger oder Tagelöhner in der „Alten Gemeinde“ mussten stattdessen jährlich 112 Stüber (= 6 Schaf) an den Pastor zu Weene zahlen. Von jeder Haushaltung in der „Neunen Gemeinde“, d.h. in Lübbertsfehn und Hüllenerfehn soweit seit 1836 auch in Ludwigsdorf, erhielt er 14 Stüber bzw. 7 Schaf. Diese Geldzahlungen waren jeweils um Michaelis zu entrichten, daher wurden sie auch als Michaelisgefälle bezeichnet. Die Michaelisgefälle an den Küster aus der „Neuen Gemeinde“ beliefen sich auf die Hälfte, nämlich 7 Stüber pro Haushalt.

Von den Interessenten der Kirchengemeinde erhielt der Prediger zu Weene Naturalabgaben. Der Roggen wurde am Martiniabend geliefert, die Butterlieferung geschah am Johannistage (24. Juni). Die Abgabe der Naturalgefälle an den Küster, nämlich die Flachslieferung, fand in der Michaeliswoche statt. An den Lieferungstagen mussten sich der Pastor bzw. der Küster erkenntlich zeigen und die Gesellschaft der Abliefernden bewirten.

Den Männern, die den Roggen ablieferten, wurde insgesamt eine Tonne Bier (d.h. 200 Liter) ausgeschenkt, wofür sie sich gewöhnlich dadurch bedankten, dass sie Übermaß lieferten. Den Erinnerungen des Schirumers Jann Berghaus zufolge wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dazu wohl auch Tabak gereicht, der in langen tönernen Pfeifen geraucht wurde.

Am Nachmittag des 24. Juni versammelten sich die Frauen der Interessenten in der Pastorei zur Besichtigung der abgelieferten Butter, die bereits am Vormittag in Molden dorthin getragen worden war. Jede Butterlieferung wurde mit dem zugehörigen Namen gekennzeichnet, so dass zum Vorteil des Pastors ein regelrechter Wettstreit um die Qualität entstand. Nach der Besichtigung erhielten die Frauen eine Mahlzeit, und zwar, wie Jann Berghaus erzählt, „bestehend aus Reis und Milch – Reisbrei – mit Zucker und Zimt bestreut und dazu Weißbrot und Butter.“ Für diese Bewirtung wurden über die vorgeschriebenen Mengen hinaus einige Pfund Butter gesondert geliefert.

Der Küster bewirtete diejenigen Interessenten, die ihm am vereinbarten Tage in der Michaeliswoche den Flachs brachten, mit einer so genannten „kalten Schale“ und einer Tonne Bier, wofür allerdings jede Person ¼ Bund Flachs mehr gab. Außerdem erhielt der Küster seit dem 18. Jahrhundert zusätzlich von jedem Herdbesitzer 5 Flachsboten und von jedem Warfsmann 3 Flachsboten zur Beschaffung von Stricken und Schmieröl für die Glocken. Für die Erhöhung der Abgabenleistung musste er täglich das Mittagsläuten mit der kleinen Glocke besorgen.

Um 1900 ist allmählich an die Stelle der Naturallieferung die Zahlung des Geldwertes getreten. Die jeweiligen Mengen an Naturalien wurden danach zu den aktuellen Preisen in Geldbeträge umgerechnet. Dabei wurden dann sogar die Kosten für die Bewirtung abgerechnet. Das Geld wurde zu den fälligen Terminen von den Kirchenvorstehern oder auch anderen Personen eingesammelt, die dafür aus der Pfarrkasse bzw. Küstereikasse eine Aufwandentschädigung erhielten.

Seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts weigerten sich viele Gemeindemitglieder, das Michaelisgefälle zu zahlen. Für die Nachbargemeinde Wiesens war 1936 in der gleichen Sache beim Amtsgericht Aurich entschieden worden, dass für Häuser, die nach 1900 gebaut waren, diese Lasten nicht mehr gelten sollten. Der Kirchenvorstand in Weene beschloss am 30.11.1937 ebenfalls, von den nach 1900 gebauten Häusern das Gefälle nicht mehr einzuziehen. In der ganzen Gemeinde fiel damit ab 1937 für 115 Häuser das Michaelisgefälle fort, es blieben 174 zahlungspflichtige Haushalte.

Im 18. und 19. Jahrhundert war es üblich, den Pastor zu Amtshandlungen im Hause sowohl in der „Alten Gemeinde als auch auf den Fehnen mit einem Wagen oder mit einem Pferd, je nach seiner Wahl, abholen und wieder zurückbringen zu lassen. Mit dem Aufkommen des Fahrrades entfiel dies, ohne dass dem Pastor dafür zunächst ein Ausgleich zuteil wurde. Durch Kirchenvorstandsbeschluss vom 29. Mai 1934 wurde für eigene Dienstfahrten des Pastors eine Entschädigung von 5 Pf je km aus der Kirchenkasse festgesetzt.

Beim Bau neuer Gebäude seitens der Kirchengemeinde oder im Falle von Reparaturarbeiten an Gebäuden im Kirchenbesitz, insbesondere der Kirche selbst, mussten die Warfsleute des Kirchspiels unentgeltlich so genannte Handdienste leisten, wozu z. B. das Tragen und Zulangen von Steinen und das Graben von Lehm oder Sand gehörten. Die Herdbesitzer oder Interessenten hatten so genannte Spanndienste zu verrichten, d.h. mit Pferdewagen den Transport von benötigten Materialien wie Steinen, Kalk, Holz, Sand usw. zu besorgen.

Im Zusammenhang mit den Einkünften des Pastors und des Küsters ist festzuhalten, dass deren Vermögen sowie Einnahmen und Ausgaben jeweils in gesonderten Kassen verwaltet wurden. Davon getrennt gab es die Kirchenkasse, in die die Einkünfte der Kirche selbst sowie auch Spenden und Gelder aus außerordentlichen Hebungen bzw. Umlagen eingingen, aus der aber auch die Kosten für die bauliche Unterhaltung des Gebäudebestandes und die Innenausstattung entnommen wurden. Diese Kasse wurde von den beiden Kirchenvorstehern verwaltet, die jeweils für drei Jahre aus dem Kreise der Interessenten gewählt wurden. Einer der beiden war in der Regel der buchhaltende Kirchenvorsteher, bisweilen auch Kirchvogt benannt. In manchen älteren Urkunden wurden die Kirchenvorsteher als Kirchgeschworene bzw. Juraten oder als „Hilgemannen“ bezeichnet. Diese gewählten Vertreter der Gemeinde und nicht etwa der Pastor, wachten über die Einnahmen und Ausgaben der Kirchenkasse und hatten für die Richtigkeit der Kirchenrechnung, die bei Visitation dem Generalsuperintendenten in Aurich oder später dem Kircheninspektor vorzulegen war, geradezustehen. Die Weener Armenkasse wurde gesondert von zwei ebenfalls durch die Interessenten gewählten Armenvorstehern verwaltet.

 

 

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http://schloss-ellguth.de/image/glkreuzb.jpg Die Glocke zu Weene
Große Patenglocke (Ton d' +1 ) in der Kirchengemeinde Weene in Ihlow-Ostersander.
Glockenweihe 14. November 1976.

 

Durchmesser: 140 cm
Höhe (Korpus): 130 cm
Höhe der Bügel: 25 cm
Gewicht: 1700 kg
Material: Bronze
Zeit: 1796
Gießer: Johann Georg Krieger
Gießort: Breslau

Verzierung und Inschrift: hohe ebene Kronenplatte mit Pfeilen auf steilen abgesetzter Hohlkehle


zwischen Stegen Inschrift    JOHANN GEORGE KRIEGER

                                           GOSS MICH IN BRESLAU IM

                                           JAR 1796


Flanke:                                 KARL GEORG HEINRICH

                                            GRAF VON

                                            HOYDA DIRIGIRENDER

                                            MINISTER IN SCHLESIEN


Ornament mit geflügelten Engelskopf:

                                            JOHANN FROMME PRÄLAT

                                            DES FÜRSTL.STIFTES AD ST

                                            MATHIAM IN BRESLAU

                                            PRATONUS UND COLLATOR

und

                                            ZERSCHMOLZEN IM BRANDE

                                            DEN 6TEN SEPTEMBER 1795


Adler mit Zepter und Reichsapfel:

                                            UNTER FRIEDRICH WILHELM

                                            II KOENIGE VON PREUSSEN

                                            UND SOUVERÄNEN

                                            HERZOGE VON SCHLESIEN


Schlagring: abgesetzter Wulst zwischen Stegen
Wolm: gebogene Randverstärkung
Krone: 6 Bügel mit weiblichen Köpfen

Nr.: 25/11/42
Ort: Ev. Kirche in Kreuzburg
Bewertung: B
Schicksal: Große Patenglocke (Ton d' +1 ) in der Kirchengemeinde Weene in Ihlow-Ostersander. Glockenweihe 14. November 1976.