Handwerker

  

 

Laßt uns Ziegel brennen …..

Auf den Spuren alter Feldziegeleien in den Gemarkungen von
Schirum, Wiesens und Ostersander

von G. Saathoff

 

Zwischen der Bibelstelle über die Fronarbeit der Kinder Israels im 11. Kapitel des 1. Buches Moses und der ersten bestätigten Nachricht über die Ziegelherstellung in unserem Raum liegt eine Zeitspanne von über 3.500 Jahren.

Während vor dem Jahre 1200 hauptsächlich Granitquadern aus den Findlingen der Geestmoränen und Tuffstein aus der Eifel zum Kirchenbau verwendet wurden, übernahm im ersten Drittel des 13.Jahrhunderts der Backstein die führende Rolle als Werkstoff für die mittelalterlichen Kirchen.

 

Zum Bau der Klöster

Außer der Kirche in Middels, der einzigen Granitquaderkirche, sind alle anderen Kirchenbauten im Kreise Aurich aus Backsteinen ausgeführt.

Wie in vielen anderen Dingen sind wahrscheinlich die Klöster Wegbereiter für den neuen Baustoff gewesen.

Zistersienser und Praemonstratenser Mönche haben wohl die neue Technik aus Italien mitgebracht, wo besonders in der Lombardei eine blühende Ziegelindustrie bestand.

Man vermutet, dass die ersten in unserem Raum gebrannten Ziegelsteine zum Bau der Klöster verwendet wurden.

Ob die Klosterbrüder auch die Steine für den Bau der ältesten Kirchen selbst hergestellt haben oder für die Dorfbewohner nur als Lehrmeister auftraten, ist nicht überliefert.

Wenn auch schriftliche Quellen fehlen, mit Ausnahme einer Nachricht im Zusammenhang mit dem Bau des Klosters „Wittewierum“ in Holland aus dem Jahre 1235, ist anzunehmen, dass die für den Kirchenbau erforderlichen Ziegelsteine an Ort und Stelle oder in der Nähe der Bauten hergestellt wurden.

 

Angeregt durch die Arbeiten der Arbeitsgruppe „Volkskunde und Brauchtum“ der „Ostfriesischen Landschaft“ in einer Umfrage über die Ziegelherstellung in Ostfriesland und im Bestreben, die in der älteren Bevölkerung meiner engsten Heimat wachgehaltenen Erinnerungen an ein altes dörfliches Gewerbe festzuhalten, bin ich allen Spuren alter Feldziegeleien im Raum Schirum, Wiesens und Ostersander nachgegangen.

 

Zum besseren Verständnis sei jedoch zuvor kurz auf die alte Technik der Ziegelherstellung eingegangen wie sie sich im Schrifttum und in der Zusammenstellung der Arbeitsgruppe „Volkskunde und Brauchtum“ darstellt:

Den Rohstoff lieferten die Lehm- und Tonvorkommen an den Ufern der alten Schmelzwasserbäche und der Ems, sowie die Läger unter dem Decksand der Geest und der Klei der Marschgegenden.

 

„Rohlinge“ im Feldbrand

Nach einer Vorbereitung durch Kneten oder Treten, wodurch das Material schmiegsamer wurde, begann das Streichen der Ziegel, wobei der Lehm in hölzerne Formen gedrückt wurde.

Die so gewonnenen „Rohlinge“ wurden auf einer ebenen Unterlage luftig gestapelt und mussten etwa vier bis sechs Wochen trocknen.

Der eigentliche Brennvorgang spielte sich im Feldbrand ab.

Auf einer festen Unterlage aus alten Steinen wurde an einer etwas erhöhten und möglichst windgeschützten Stelle die Rohlinge pyramidenförmig im Verbund gestapelt.

Zur Unterbringung des Feuers mussten „Sohlkanäle“ ausgespart werden.

Anschließend wurde der Stapel mit Strohlehm und oben mit Soden abgedeckt.

Zwei bis vier Wochen musste nun das Feuer unterhalten werden, bis die Steine durchgebrannt waren.

Bei dieser primitiven Arbeitsweise blieben Fehlbrände natürlich nicht aus, so dass man später einfache, gemauerte Öfen errichtete.

 

Trotz vieler Mängel haben diese Steine Jahrhunderte überdauert.

In vielen Kirchen ist das großformatige Mauerwerk noch jetzt original erhalten, wie z.B. in der Kirche in Wiesens und z.T. in der Kirche Weene.

Oftmals mussten jedoch die Westgiebel erneuert werden, da das oft nicht genügend durchgebrannte Material den jahrhundertelangen Witterungseinflüssen auf die Dauer nicht gewachsen war.

 

Durch neuere Erkenntnisse über die Backsteinherstellung in unserem Raum ist die alte von Generation zu Generation überlieferte Mär, dass die zum Bau der Kirche in Weene verwandten Steine von dem über drei Kilometer entfernten Kloster Ihlow von Hand zu Hand (handjen) herangeschafft worden seien, wohl nicht mehr glaubwürdig.

Das Landschaftsbild von Schirum und Wiesens ist in weiten Teilen durch sanfte Täler zweier eiszeitliher Schmelzwasserbäche geprägt, und zwar dem „Alten- oder Kroglitzer Tief“ und dem „Krummen Tief“.

 

Das „Alte Tief“ entspringt in der Nähe von „Blockhaus“, kreuzt die Straße Aurich -> Wiesens kurz vor dem „Sandkrug“ und ist später in seinem natürlichen Lauf durch den „Ems-Jade-Kanal“ unterbrochen.
Hinter dem Kanal beginnt der kleine Wasserlauf wieder als „Kroglitzer Tief  und fließt kurz vor der Abzweigung nach Neermoor bei Schirum unter der Bundesstraße 72 durch.
Westlich an Schirum vorbeilaufend, vereinigt es sich unterhalb „Strohbusch“ mit dem von Weene kommenden „Krummen Tief“.
Dieses entspringt nahe „Akelsbarg“, durchfließt einen Teil der „Wiesenser-„ und „Hesenbroker-„ Feldmark, kreuzt südöstlich der Gaststätte „Wulf“ die Bundesstraße 72 und verläuft an der Kirche Weene vorbei durch ein breites Wiesental zum „Fehntjer Tief“.

 

Lehm als Rohstoff

An den Ufern dieser beiden Bäche, die früher mangels schlechter Vorflut oft weite Gebiete in den Wintermonaten überschwemmten, steht der Lehm sehr hoch an und ist teilweise nur von einer dünnen Sandschicht überdeckt.

Diese Lehmvorkommen haben wahrscheinlich auch den Rohstoff für die ursprünglichen Lehmbauten geliefert, denn weit bis ins 18.Jahrhundert hinein wurden noch viele dörfliche Bauten aus Lehm errichtet.

 

Balthasar Arend schreibt z.B. in seiner „Landesbeschreibung des Harlingerlands“ im 17.Jahrhundert:

 

Die wenigsten Häuser sind aus Stein, die meisten von Lehm und Klei …“

 

Wie lange noch der Backstein knapp war, ersehen wir daraus, dass noch 1557 Gräfin Anna die aus dem Abbruch der „Wic“ in Marienhafe anfallenden Steine nach Aurich zum Ausbau des Schloßzwingers schaffen ließ. Wann auf dem Lande die ersten Häuser aus Stein errichtet wurden, ist nicht bekannt.

Das erst vor einigen Jahren abgerissene Vorderhaus des Landwirts Jann Harms in Schirum stammte aus dem Jahre 1717 und wies noch das großformatige Mauerwerk auf.

 

Über die Ziegelherstellung in unserem Gebiet liegt nur eine schriftliche Quelle aus dem „Niedersächsischen Staatsarchiv“ in Aurich vor, die von W. Beekmann in „Die Geschichte der ostfriesischen Ziegeleien“ zitiert wird. Danach hat im Jahre 1645
Ihre hochgräfliche Gnaden im Beisein des Obristen Ehrentreuter (der in Schirum einen Hof unterhielt, den jetzt von Marten Bohls bewohnten sogenannten „Mahrenholter Plaats“) befohlen, mit Fleiß nachzuprüfen, allwo am nächsten bei Aurich Klei zu finden sei, um davon Ziegeln zu backen“.

 

Drei Sachverständige aus dem Reiderland und aus Wiesede fanden anscheinend in „Ostersanderhammrich“ brauchbaren Ton, wovon 24.000 Steine gebacken wurden. Der zum Brennen vorgesehene Ziegelmeister war jedoch plötzlich verschwunden. Ersatz konnte nicht beschafft werden.

 

Der Versuch schlug fehl

Um 1700 boten sich neun Ziegler aus Jemgum unter Anführung eines „Hero Herkens“ an, dort wo früher schon eine Ziegelei bestanden habe, ein neues Werk zu errichten. Unter der Bedingung, jährlich 4.000 Steine abzuliefern, erhalten sie auch die Erlaubnis, doch scheint auch dieser Versuch fehlgeschlagen zu sein. Auch in Wiesens soll zu dieser Zeit eine alte Ziegelei wieder in Betrieb genommen sein. Es ist nicht festzustellen, wo man den oben zitierten Standort suchen könnte, denn die alte Bezeichnung „Ostersanderhammrich“ ist nicht mehr geläufig.

 

Mehrere alte Flurbezeichnungen weisen jedoch noch jetzt auf alte Ziegeleianlagen hin wie z.B. in der Nähe des „Kroglitzer Tief“ der „Tichelboeweg“, „Tichelboe“, „Tichelboeshöcht“ und „Lehmdobben“, sowie in der Nähe des „Krummen Tief“ ebenfalls „Tichelboe“.

 

Es konnten folgende Feldbrandstellen lokalisiert werden, und zwar:

 

1.  Abzweigend von der Gemeindestrasse nach „Sandhöchten
der „Tichelboeweg“, an dessen Rändern sich früher viele kleine

Ziegelbrocken fanden. Links des durch eine schöne

Wallheckenlandschaft verlaufenden Weges befinden sich der

Lehmdobben“ und rechts davon das Flurstück „Tichelboe

des Landwirts „Fr. Lüken“.

Etwa 500 Meter vom Tief, jedoch in unmittelbarer Nähe der

Lehmdobben“, finden wir eine etwa 1m bis 1,5m hohe Erhebung,

unter dessen Grasnarbe das Erdreich sehr stark mit Ziegelbrocken

durchsetzt ist.

Die kleinen Broken geben keinen Aufschluß über das hergestellte

Steinmaß, jedoch ist anzunehmen, dass sich auf dieser kleinen

Erhebung eine Feldbrandstelle befunden hat.

 

2. Westlich des „Krummen Tief“, kurz hinter der Gaststätte „Wulf“,

wurde im Frühjahr 1972 ein Grünlandstück des Landwirts

J. Reiners“ umgebrochen. Dieses Stück war in einer Länge von

zirka 30m und einer Breite von zirka 15m mit Ziegelbrocken

übersät.

Hier konnte man sich noch am besten ein Bild von einer alten

Ziegelei machen. Nach Aussagen des Landwirts „Klaas Heeren

haben sich vor einigen Jahren (vor 1972) in unmittelbarer

Nähe des Tiefs unweit der Fundstelle noch mehrere Lehmkuhlen

befunden, denen der Rohstoff entnommen wurde.

Die Brennstelle liegt auf einer kleinen Anhöhe.

Hier konnten auch noch größere Ziegeln im ausgesprochenen

Klosterformat gefunden werden. Durch Nachmessungen an den

Kirchen in Weene und Wiesens konnte eine fast vollkommene

Übereinstimmung festgestellt werden.

Nach Dr. NoahDie mittelalterlichen Kirchen im Harlingerland“,

der nach einer Besichtigung hier auch eine mittelalterliche

Betriebsstätte für möglich hält, schwankten die Backsteinmassen in

der Dicke von 7,8 bis 9,1 cm, in der Breite von 13,8 bis 14,6 cm

und in der Länge von 27,9 bis 30,5 cm.

In Weene finden wir im ältesten Teil Maße von 9 bis 9,5 cm Dicke,

ja sogar in einem Fall von 12 cm, in der Breite von 14 bis 14,5 cm

und in der Länge von 29 bis 30 cm.

Ähnliche Maße findet man auch in Wiesens.

Da bei unserer Fundstelle die Steine durch Verwitterung und die

Feldbearbeitung teilweise stark beschädigt sind, waren wohl die

Dicken- und Breitenmaße festzustellen, jedoch nicht die Längen.

Die durchschnittliche Dicke beträgt 8,5 bis 9,0 cm und die Breite

ca. 14 cm, so dass sie sich mit den Maßen der Kirchen in Weene

und Wiesens decken. Wozu die hier gebrannten Steine verbraucht

wurden, wird wohl nie zu klären sein.

Interessant ist auch der Zustand der Brocken.

Wir fanden ganz helle, gelbliche und poröse Teile, die nicht richtig

durchgebrannt sind, sowie dunkelbraune, rissige bis zur Sinterung

gebrannte Stücke.

 

3. An derselben Seite des Tiefs, jedoch in der Gemarkung Wiesens,

wurde mir von zwei kleinen Hügeln berichtet, im Volksmund

Tammohms-Höcht“ oder „Tambours-Höcht“ genannt.

Auch an den Seiten dieser etwa 2,0 bis 2,5 m hohen und zirka 3,0

bis 4,0 m breiten Hügel wurden Steinbrocken gefunden.

Der Besitzer des Grundstücks „Bullmeede“, der Landwirt bzw.

Gastwirt Garrels, hatte die Hügel schon länger als Feldbrandstelle

erkannt und auch einen Hügel angegraben.

Vermutlich handelt es sich hier um gemauerte Ziegelöfen, denn

beim Graben stieß man auf Mauerwerk und Aschenreste.

(Die damals von der „Ostfriesischen Landschaft“ angedachte

Grabung hat vielleicht Aufschlüsse gegeben?).

 

4. In unmittelbarer Nähe dieser Fundstelle befinden sich an einem

Wall am „Bullmeedsweg“ ebenfalls Reste einer alten Ziegelanlage

mit Lehmkuhlen.

Auch hier ist das „Krumme Tief“ nicht weit.

 

5. Auf der östlichen Seite des „Krummen Tief“, in dem alten

Gemarkungsteil „Hesenbrok“, werden mehrere Fundstellen

überliefert, und zwar auf einer kleinen, sich von der Bundes-

strasse 72 bis nach Weene erstreckenden Anhöhe am „Mühlenweg“

(Ostersander), angeblich auch jenseits der Bundesstrasse 72 am

Hause „Rosenboom“, doch mit Bestimmtheit auf dem Grundstück

des verstorbenen Landwirts „de Jonge“ und auf dem Flurstück

des Landwirts „Joh. Aden“.

Hier befand sich früher auch die einzige Privatmühle in der

Voigtei Holtrop, während alle anderen Mühlen als Erbpachtsmühlen

im Besitz der Landesherren waren.

Im Kern des Walles zwischen den beiden Grundstücken fand sich

eine Anhäufung von Ziegelbruchstücken.

Die am Tief liegenden Ländereien sind stark „ausgetichelt“.

 

6. Ebenfalls muß sich an Hand der Funde an der früheren

„neuen Schule“, gegenüber dem neuen Friedhof  eine Feldbrandstelle

befunden haben. Ob hier die von „Beekmann“ zitierte Ziegelei in

Ostersanderhammrich“ gestanden hat, ist nicht nachzuweisen.

Beim Bau einer Wasserleitung wurden von dem Lehrer i.R. Janssen

vor einigen Jahren (vor 1972) auch eine Anzahl großformatiger

Steine gefunden, und zwar in einer Dicke von 8,5 und einer Breite von

14 cm.

Auch im Garten des Nachbarn „Peters“ war das Erdreich stark mit

Ziegelbrocken durchsetzt.

 

 

Die Tatsache, dass an den geschilderten Orten Ziegelsteine gestrichen und gebrannt worden sind, dürfte wohl unbestritten sein. Ungeklärt ist jedoch vor allem, welches Ausmaß diese kleinen Ziegeleien hatten und wie lange sie betrieben wurden. Interessant wäre auch zu wissen, ob es sich um gewerbliche Anlagen gehandelt hat, oder ob die Dorfbewohner unter Anleitung eines „Tichelers“ hier nur den Eigenbedarf gedeckt haben.

 

Abschrift durch Bert Bieschke 27-09-2006